Videogruß für Sonntag, den 05. Juli 2020

Orgelvorspiel aus Würm

Johann Sebastian Bach - Präludium F-dur

Ablauf (Liturgie) des Hausgottesdienstes

Votum:

Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Lied: EG 449,1-2.4.6 (Die güldne Sonne voll Freud und Wonne)

1) Die güldne Sonne / voll Freud und Wonne bringt unsern Grenzen / mit ihrem Glänzen ein herzerquickendes, liebliches Licht. Mein Haupt und Glieder, / die lagen darnieder; aber nun steh ich, / bin munter und fröhlich, schaue den Himmel mit meinem Gesicht.

2) Mein Auge schauet, / was Gott gebauet zu seinen Ehren / und uns zu lehren, wie sein Vermögen sei mächtig und groß und wo die Frommen / dann sollen hinkommen, wann sie mit Frieden / von hinnen geschieden aus dieser Erden vergänglichem Schoß.

4) Abend und Morgen / sind seine Sorgen; segnen und mehren, / Unglück verwehren sind seine Werke und Taten allein. Wenn wir uns legen, / so ist er zugegen; wenn wir aufstehen, / so läßt er aufgehen über uns seiner Barmherzigkeit Schein.

6) Laß mich mit Freuden / ohn alles Neiden sehen den Segen, / den du wirst legen in meines Bruders und Nähesten Haus. Geiziges Brennen, / unchristliches Rennen nach Gut mit Sünde, / das tilge geschwinde von meinem Herzen und wirf es hinaus.

Psalm: Psalm 42 (EG 724)

Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.

Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.

Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?

Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?

Daran will ich denken und ausschütten mein Herz bei mir selbst:

wie ich einherzog in großer Schar, mit ihnen zu wallen zum Hause Gottes

mit Frohlocken und Danken in der Schar derer, die da feiern.

Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?

Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er mir hilft mit seinem Angesicht.

(Psalm 42,2-6)

Gebet:

Herr, wir danke dir für diesen neuen Morgen, für das Zwitschern der Vögel, für die Kühle der Morgenluft und für die Zeit, die wir heute zur freien Verfügung haben. Dieser Tag liegt wie ein unbeschriebenes Blatt vor uns und wartet darauf, mit neuen Gedanken und Erlebnissen beschrieben zu werde. Segne du diesen Tag. Lass dein Licht und deinen Geist wie die Sonne in unser Leben scheinen. Führe uns zum frischen Wasser und lass unsere Seele dich suchen und finden. Herr. Wir legen diesen Tag und diesen Gottesdienst jetzt in deine Hand. Sei du mitten unter uns. Lass uns deine gute Stimme hören und ihr Vertrauen schenken.

[Hier können wir Gott weitere Dinge sagen, Dinge, die vielleicht auch zwischen uns und Gott stehen und für die wir Ihn um Vergebung bitten möchten.]

Zuspruch:

Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. (Johannes 8,12)

Lesung: Lukas 6,36-42

36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. 37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. 38 Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen. 39 Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann denn ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen? 40 Ein Jünger steht nicht über dem Meister; wer aber alles gelernt hat, der ist wie sein Meister. 41 Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr? 42 Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.

Glaubensbekenntnis:

Verbunden mit der ganzen Christenheit auf Erden bekennen und bezeugen wir unseren Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

Lied: EG 420,1-5 (Brich mit dem Hungrigen dein Brot)

1) Brich mit den Hungrigen dein Brot, sprich mit den Sprachlosen ein Wort, sing mit den Traurigen ein Lied, teil mit den Einsamen dein Haus.

2) Such mit den Fertigen ein Ziel, brich mit den Hungrigen dein Brot, sprich mit den Sprachlosen ein Wort, sing mit den Traurigen ein Lied.

3) Teil mit den Einsamen dein Haus, such mit den Fertigen ein Ziel, brich mit den Hungrigen dein Brot, sprich mit den Sprachlosen ein Wort.

4) Sing mit den Traurigen ein Lied, teil mit den Einsamen dein Haus, such mit den Fertigen ein Ziel, brich mit den Hungrigen dein Brot.

5) Sprich mit den Sprachlosen ein Wort, sing mit den Traurigen ein Lied, teil mit den Einsamen dein Haus, such mit den Fertigen ein Ziel.

Predigt: zu Römer 12,17-21

Lied: EG 666,1-3 (Wie ein Fest nach langer Trauer)

1) Wie ein Fest nach langer Trauer, Wie ein Feuer in der Nacht. Ein off'nes Tor in einer Mauer, Für die Sonne auf gemacht. Wie ein Brief nach langem Schweigen, Wie ein unverhoffter Gruß. Wie ein Blatt an toten Zweigen Ein-ich-mag-dich-trotzdem-Kuss.

Kehrvers:

So ist Versöhnung, so muss der wahre Friede sein. So ist Versöhnung, so ist vergeben und verzeih'n. 2x

2) Wie ein Regen in der Wüste, Frischer Tau auf dürrem Land. Heimatklänge für vermisste, Alte Feinde Hand in Hand. Wie ein Schlüssel im Gefängnis, Wie in Seenot - Land in Sicht. Wie ein Weg aus der Bedrängnis Wie ein strahlendes Gesicht.

Kehrvers

3) Wie ein Wort von toten Worten Lippen, Wie ein Blick der Hoffung weckt. Wie ein Licht auf steilen Klippen, Wie ein Erdteil neu entdeckt. Wie der Frühling, der Morgen, Wie ein Lied wie ein Gedicht. Wie das Leben, wie die Liebe, Wie Gott selbst das wahre Licht

Kehrvers

Fürbittengebet:

Allmächtiger Gott, im Vertrauen auf deine Kraft bringen wir unsere Anliegen vor dich.

In vielen Bereichen dürfen wir erleben, wie sich nach Monaten der Einschränkungen unser Leben langsam wieder normalisiert. Doch was bleibt, sind die Unsicherheit und die Sorgen um die Zukunft. Wir hören auch von Gegenden und Ländern, die nicht zur Ruhe kommen, wo es weiter hohe Infektionszahlen gibt, wo steigende Opferzahlen zu beklagen sind.

Besonders bitten wir dich für die Situation in Amerika und Brasilien. Steh du den Menschen bei. Hilf Ihnen, diesen Kampf gegen das Coronavirus besonnen und mit Rücksicht aufeinander zu führen. Stehe du den Ärzten und Pflegern bei, den Männern und Frauen, die ihre Gesundheit und ihr Leben aufs Spiel setzen, um anderen zu helfen.

Herr, wir bitten Dich für das Zusammenleben in unserm Land. Du siehst, wie unsere Gesellschaft immer mehr auseinanderfällt, wie Menschen nach ihren eigenen Vorstellungen handeln und dabei keine Rücksicht mehr nehmen. Selbst Rettungskräfte und Polizisten sind heute nicht mehr sicher vor Übergriffen und roher Gewalt.

Herr, zeige den Menschen in unserem Land, dass es eine gute Ordnung für unser Zusammenleben und einen Maßstab braucht, um Gut und Böse unterscheiden zu können. Du hast uns diesen Maßstab durch dein Wort und deine Gebote gegeben. Du hast uns Liebe vorgelebt. Hilf uns dabei, unser Leben danach auszurichten.

Herr, wir bitten dich weiterhin für die Hungerkatastrophe in Ostafrika und in Teilen Asien. Du siehst die Heuschreckenplagen, die die Lebensgrundlagen von Menschen und Tieren zerstören. Schenke du Hilfe und sichere du das Überleben.

Wir bitten dich auch für die Elefanten in Botswana, von denen in den letzten Wochen schon knapp dreihundert auf unerklärliche Weise verendet sind. Erbarme dich über diese Tiere und bereite du dem Massensterben ein Ende.

[Hier können wir in der Stille die Dinge vor Gott bringen, die uns als Anliegen spontan in den Sinn kommen.]

Und gemeinsam beten wir mit den Worten Jesu:

Vaterunser:

Vater unser im Himmel Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Lied: EG 347,1-4 (Ach bleib mit deiner Gnade bei uns)

1) Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ, daß uns hinfort nicht schade des bösen Feindes List.

2) Ach bleib mit deinem Worte bei uns, Erlöser wert, daß uns sei hier und dorte dein Güt und Heil beschert.

3) Ach bleib mit deinem Glanze bei uns, du wertes Licht; dein Wahrheit uns umschanze, damit wir irren nicht.

4) Ach bleib mit deinem Segen bei uns, du reicher Herr; dein Gnad und alls Vermögen in uns reichlich vermehr.

Wochenspruch:

Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. (Galater 6,2)

Bitte um Gottes Segen:

Herr, wir bitten dich: Schenke Du uns für die kommende Woche deinen Frieden, deine Liebe und deinen Segen und so sprechen wir im Vertrauen auf Dich:

Der Herr segne uns und behüte uns, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns seinen Frieden. So segne uns Gott der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen

Orgelnachspiel aus Würm

Karl Böbel (1931-1990) - "Jauchzt alle Lande, Gott zu Ehren"

Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott zu dir. (Psalm 42,2)

Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott zu dir. (Psalm 42,2)

EG 449,1-2.4.6 (Die güldne Sonne voll Freud und Wonne)

EG 420,1-5 (Brich mit den Hungrigen dein Brot)

EG 666,1-3 (Wie ein Fest nach langer Trauer)

EG 347,1-4 (Ach bleib mit deiner Gnade)

Hörpredigt

Lesepredigt

Liebe Gemeinde, der Predigttext für diesen 05. Juli 2020 steht im Römerbrief, Kapitel 12, Vers 17 bis 21. Paulus schreibt dort an die Gemeinde in Rom:

17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. 18 Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. 19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« 20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22). 21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Paulus schreibt diese Worte an eine Gemeinde, also an eine Gemeinschaft von Menschen, die durch ihren Glauben und ihre Beziehung zu Jesus Christus miteinander verbunden sind. Dies führt dazu, dass sie bestimmte Werte und Vorstellungen miteinander teilen, die ihre Identität als Gemeinde vor Ort formen.

Hier geht es nun um die Frage, wie sie mit all dem Bösen und Negativen umgehen sollen, dass ihnen begegnet. Diese Frage können wir uns als Menschen in der Gemeinde Mühlhausen genauso stellen. Wie gehen wir mit dem Bösen und Negativem um, das täglich auf uns einwirkt?

Zunächst wollen wir einmal überlegen, was dieses Böse oder Böses allgemein eigentlich genau ist und wo es uns konkret begegnet. Um zu wissen, was böse ist, muss ich auch eine Vorstellung davon haben, was gut ist. Ein Tag, an dem die Sonne scheint, mag für mich gut sein, aber deswegen ist ein Tag, an dem es regnet noch lange nicht schlecht oder gar böse. Die Entscheidung, was gut und böse ist, hat also zunächst einmal etwas mit meinen Maßstäben und meiner persönlichen Betroffenheit zu tun.

Sowohl das Gute wie auch das Böse zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine gewisse Eigendynamik und etwas Ergreifendes haben. Am Beispiel der Musik kann man das sehr schön sehen. Es gibt Musik, die einem das Herz öffnet, Melodien die einen mitreißen, die einen als Ohrwurm den ganzen Tag begleiten. Doch es gibt auch Ansammlungen von Tönen, die Aggressionen in einem wecken, die sich wie ein dunkler Schatten auf die Seele legen und einen dazu bringen, Hass und Wut zu empfinden. Wird dies noch mit politischen Parolen in Verbindung gebracht, wird es gefährlich.

Ein ganz anderes Beispiel ist das nachbarschaftliche Zusammenleben. Es gibt gute Nachbarschaften und schlechte Nachbarschaften. Bei manchen Nachbarn hat man das Gefühl, dass die einfach nur böse sind. Wegen jeder Kleinigkeit beschweren sie sich und brechen einen Nachbarschaftsstreit vom Zaun. Sie schauen einen nicht an und wechseln kein Wort mit einem. Solche Nachbarn können einem das Leben zur Hölle machen.

Gemeinsam ist beiden Beispielen: Wo etwas gut ist, da fühlen wir uns frei, leicht und ungezwungen, doch wo etwas böse ist, da wird es dunkel, da bekommen wir es mit der Angst zu tun. Da werden in uns Gedanken, Gefühle und Neigungen geweckt, vor denen wir erschrecken und die uns auf Abwege führen können.

Nun zu uns: Wo begegnet uns das Böse? Diese Frage sieht für jeden von uns anders aus. Der eine hat tatsächlich solche Nachbarn, wie ich sie vorhin beschrieben habe, andere erleben Böses vielleicht in ihrem familiären Umfeld, wenn da zum Beispiel jemand ist, der von einer Sucht nicht loskommt, wenn da schon seit Urzeiten ein familiärer Streit ist, der sich einfach nicht lösen lässt. Wir hören gelegentlich von Einbrüchen, Sachbeschädigungen, häuslicher Gewalt und anderem. Die Polizisten vom Polizeiposten in Tiefenbronn könnten uns hierzu bestimmt noch einiges mehr sagen.

Mir persönlich begegnet Böses vor allem in den Medien. Es gibt so viele negative Nachrichten, die mir das Herz schwer machen, dass es Tage gibt, an denen ich am liebsten gar nichts mehr hören und sehen will. Allein schon das Thema Kindesmissbrauch und Kinderpornografie im Internet ist unerträglich. Kommen dann noch Berichte über Umweltzerstörungen oder die Spinnereien so mancher Staatspräsidenten hinzu, dann ist das Maß voll und der Tag von einer depressiv machenden schwarzen Wolke verdunkelt.

Das Böse scheint zu übermächtig zu sein. Pessimismus wird irgendwann von Resignation abgelöst. Und am Ende verschanze ich mich dann in meiner kleinen Welt hinter Thujahecken und Jägerzäunen und lass die Welt Welt sein und lenke mich mit den kleinen und großen Freuden meines bürgerlichen Biedermeiers ab.

Paulus möchte uns aus dem Gefühl der Ohnmacht und der Resignation befreien. Er möchte uns aus der Rolle des Opfers befreien und uns zu Tätern des Guten machen. Der Weg zu dieser Befreiung sieht so aus, dass der Teufelskreis des Bösen bewusst durchbrochen wird.

Normalerweise gilt: Wie du mir, so ich dir – oder: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Normalerweise führt erlebtes Unrecht dazu, dass man sich legitimiert fühlt, sich selbst rauszunehmen, was man für rechtmäßig hält. Mit ausgestrecktem Finger heißt es dann: Der hat doch auch dies und jenes gemacht. – oder: Jetzt bin ich auch mal dran! - oder: Wenn die mich ignoriert, dann ignoriere ich sie auch. – oder: „Wer nicht will, der hat schon.“ Dies führt zu einer ewigen Fortsetzung der Konflikte und Kriege dieser Welt. Darunter leiden aber nicht nur die anderen, sondern auch man selbst. So verharrt man in der Enttäuschung, man bleibt in der Rolle des Opfers.

All das ist menschlich, aber nicht göttlich. Würde Gott genauso handeln, dann wäre die Geschichte von Jesus anders verlaufen, dann hätte Gott auf den Kreuzestod Jesu ganz anders reagiert. Nein, der lebendige Gott ist anders als wir Menschen, anders als die griechischen und römischen Götter zur Zeit des Paulus, die die menschlichen Streitereien und das Ränkeschmiede in ihrer himmlischen Welt abbildeten.

Der lebendige Gott und Vater Jesu Christi macht uns frei von diesen irdischen und menschlichen Zwängen und gibt uns die Freiheit Böses nicht mit Bösem vergelten zu müssen. Im Gegenteil wir können Böses mit Gutem vergelten und sogar diejenigen segnen, die uns verfluchen. Wo gibt es denn sowas? Wenn Menschen unserer Tage den christlichen Glauben für irrelevant halten, dann möchte ich ihnen gerne diesen Punkt nennen: Wo sonst gibt es diese Freiheit? Wo sonst haben die Handlanger des Bösen die Chance auf einen neuen Anfang, indem sie nicht auf ihr Tätersein reduziert werden, sondern als von Gott geliebte und ernst genommene Menschen angesehen und respektiert werden? Wo sonst ist echte Vergebung und Versöhnung möglich?

Doch wieso können wir das Böse überhaupt mit Gutem vergelten? Woher sollen wir dazu die Kraft nehmen? Wir können dies, weil Gott das Böse nicht gleichgültig ist. Ihm ist es nicht egal, was Menschen sich gegenseitig wie auch den Tieren und der Natur antun. Gott wird über all das Böse ein gerechtes Gericht halten. Er wird die in die Verantwortung rufen, die seine Menschheit und seine Schöpfung aus eigensüchtigen Motiven zerstören. Er allein hat die Weitsicht, jedem Menschen gerecht zu werden. Und weil nicht wir, sondern Gott der Richter ist, deswegen sind wir frei und müssen unsere Gedanken nicht mit Rache, Strafe und anderem belasten. Wir können gegenüber den Bösen dieser Welt und unseres Lebens barmherzig und befreit sein, weil Gott uns gegenüber auch barmherzig ist.

Gottes Barmherzigkeit ist das, was unser Herz wirklich verändert. Es ist die Barmherzigkeit eines liebenden Vaters, bei dem ich wissen darf: Ich kann immer zu ihm zurückkommen. Ein Vater, der mir zeigt, dass egal wo ich bin und unabhängig von dem was ich getan habe, ich doch immer sein Sohn oder seine Tochter bleiben werde.

Diese Barmherzigkeit Gottes beruht nicht auf Gefühlen, sondern auf bewusst getroffenen Entscheidungen. Gott hat sich entschieden: Für die Liebe.

Eine Entscheidung müssen wir auch treffen. Wenn zum Beispiel wieder der Nachbar nervt oder ich anderem Bösen und Negativen ausgesetzt werde, dann muss ich vorher eine Entscheidung getroffen haben, wie ich damit umgehen will. Mir hilft es zum Beispiel, wenn ich im Zusammenhang mit schwierigen Menschen oder negativen Nachrichten bewusst die Entscheidung treffe, für diese Menschen oder diese Angelegenheiten zu beten. Ich merke dann, dass ich etwas tun kann und diese Umstände nicht einfach passiv über mich ergehen lassen muss. Zum Gebet kommt dann eine weitere Entscheidung: Wenn ich konkret etwas an der Situation ändern kann, dann tue ich dies auch. Da geht es meist um den berühmten ersten Schritt. Wie oft höre ich: Ich habe es schon so oft probiert. Ich bin schon so oft auf ihn oder sie zugegangen, jetzt soll er mal den ersten Schritt machen. Mit solchen menschlichen Gedanken schieben wir die Verantwortung dem anderen zu und schaffen die besten Voraussetzungen dafür, ein weiteres Mal enttäuscht zu werden.

Wie wäre es, wenn wir statt zu Warten einmal konkret auf den anderen zugehen und ihm sagen, wie wir die Situation gerade wahrnehmen, indem wir zum Beispiel sagen: Ich habe das Gefühl, du gehst mir aus dem Weg. Habe ich Dich verärgert? Mir ist unsere Freundschaft wichtig (… /unsere Nachbarschaft … /unserer Beziehung … /unsere Ehe …). Können wir herausfinden, was zwischen uns steht? Dann können wir diesen Menschen sagen, wie wir zu ihnen stehen und wie wir ihr Verhalten empfinden.

Wo wir anderen so offen begegnen, machen wir uns verletzlich, weil wir ihnen zeigen, wie es in uns aussieht. Aber nur so können wir auch ein Klima schaffen, in dem sich der andere nicht gleich angegriffen fühlt, sondern die Chance bekommt, seinerseits zu sagen, was gerade mit ihm oder ihr los ist.

Sich so verletzlich zu machen, ist nicht einfach. Doch gerade da darf ich darauf vertrauen, dass Gott, der sich selbst verletzlich gemacht hat, meine Verletzlichkeit kennt und sorgsam in seinen Händen hält.

Überwinde das Schweigen und die Kälte mit Offenheit und menschlicher Wärme. – So könnte man den letzten Vers aus dem Predigttext für diese Situation übersetzen.

Am Ende kann sich nun jeder von uns eine ganz bestimmte Konfrontation mit etwas Bösem in unserem Leben vor Augen führen und überlegen, wie wir diesem Bösen nun im Sinne des Predigttextes begegnen wollen. Wo und wie können wir die Freiheit nutzen, die Gott uns ermöglicht? Wenn jeder von uns, der diesen Gottesdienst heute im Hof des Wasserschlosses, zuhause oder anderswo feiert so mit etwas Gutem auf etwas Böses reagiert, wird unsere Welt schon an einigen Ecken ein Stück weit besser. Und das Gute ist: Wir haben jeden Tag von neuem die Gelegenheit dazu, Böses mit Gutem zu beantworten, 365 Tage im Jahr und sogar ein ganzes Menschenleben lang. Amen