Videogruß von unserem Kantor Wolfgang Bürck zum Sonntag Kantate (10.05.2020)

Orgelvorspiel aus der Friedenskirche Tiefenbronn

Heinrich Scheidemann (1596-1663) - Präludium in C-dur mit Cornett

Ablauf (Liturgie) des Hausgottesdienstes

Votum:

Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Gebet:

Herr, unser Gott, danke für diese Zeit am Morgen. Danke, dass wir den Tag mit Dir, in deiner Gegenwart und mit deinem guten Wort beginnen dürfen.

Du siehst, wie die Woche war, die hinter uns liegt und Du weißt, was in der vor uns liegenden Woche alles auf uns wartet. Beides wollen wir Dir hinlegen. Wir bitten Dich: Bringe Du Ordnung in das Gewirr unserer Gedanken. Vergib uns bitte, wo wir Dich durch unser Denken, Reden und Handeln traurig gemacht haben, wo wir anderen Dunkelheit statt Licht gebracht haben.

Dich, oh Herr, wollen wir mit diesem Gottesdienst loben und preisen, mit Liedern, Gebeten und guten Gedanken. All das verändert uns und bringt uns näher zu Dir. Lass uns nun Deine Nähe finden. Wir wollen Dir auch noch sagen, was wir an Gedanken, Sorgen und Anliegen mit vor Dich bringen:

[Hier können in der Stille konkrete Anliegen, Situationen, Menschen vor Gott gebracht werden]

Herr, all das legen wir jetzt vor Dir ab. Du siehst es und Du weißt darum. Nimm Dich bitte unserer Anliegen an und erbarme Dich über uns. Amen

Zuspruch:

Christus spricht: Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden. (Johannes 10,9)

Lied: EG 617,1-3 (Kommt herbei, singt dem Herrn)

1. Kommt herbei, singt dem Herrn, ruft ihm zu, der uns befreit. :/ Singend lasst uns vor ihn treten, mehr als Worte sagt ein Lied! :/

2. Er ist Gott, Gott für uns, er allein ist letzter Halt. :/ Überall ist er und nirgends, Höhen, Tiefen, sie sind sein.:/

3. Ja, er heißt: Gott für uns; wir die Menschen, die er liebt. :/ Darum können wir ihm folgen, können wir sein Wort verstehn. :/

Psalm: Psalm 98

Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.

Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm.

Der HERR lässt sein Heil verkündigen; vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar.

Er gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel, aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.

Jauchzet dem HERRN, alle Welt, singet, rühmet und lobet!

Lobet den HERRN mit Harfen, mit Harfen und mit Saitenspiel!

Mit Trompeten und Posaunen jauchzet vor dem HERRN, dem König!

Das Meer brause und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.

Die Ströme sollen in die Hände klatschen, und alle Berge seien fröhlich vor dem HERRN; denn er kommt, das Erdreich zu richten.

Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker, wie es recht ist.

Lesung: Lukas 19,37-40 37

Und als er schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, 38 und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe! 39 Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! 40 Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

Glaubensbekenntnis:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

Lied: EG 302,1-3.8 (Du meine Seele, singe)

1) Du meine Seele, singe, / wohlauf und singe schön dem, welchem alle Dinge / zu Dienst und Willen stehn. Ich will den Herren droben / hier preisen auf der Erd; ich will Ihn herzlich loben, / solang ich leben werd.

2) Wohl dem, der einzig schauet / nach Jakobs Gott und Heil! Wer dem sich anvertrauet, / der hat das beste Teil, das höchste Gut erlesen, / den schönsten Schatz geliebt; sein Herz und ganzes Wesen / bleibt ewig ungetrübt.

3) Hier sind die starken Kräfte, / die unerschöpfte Macht; das weisen die Geschäfte, / die Seine Hand gemacht: der Himmel und die Erde / mit ihrem ganzen Heer, der Fisch unzähl´ge Herde / im großen wilden Meer.

8) Ach ich bin viel zu wenig, / zu rühmen Seinen Ruhm; der Herr allein ist König, / ich eine welke Blum. Jedoch weil ich gehöre / gen Zion in Sein Zelt, ist´s billig, daß ich mehre / Sein Lob vor aller Welt.

Predigt: 

Lied: EG 331,1-3.5.9 (Großer Gott, wir loben dich)

1) Großer Gott, wir loben dich, Herr, wir preisen deine Stärke. Vor dir neigt die Erde sich und bewundert deine Werke. Wie du warst vor aller Zeit, so bleibst du in Ewigkeit.

2) Alles, was dich preisen kann, Cherubim und Seraphinen, stimmen dir ein Loblied an, alle Engel, die dir dienen, rufen dir stets ohne Ruh: "Heilig, heilig, heilig!" zu.

3) Heilig, Herr Gott Zebaoth! Heilig, Herr der Himmelsheere! Starker Helfer in der Not! Himmel, Erde, Luft und Meere sind erfüllt von deinem Ruhm; alles ist dein Eigentum.

5) Dich, Gott Vater auf dem Thron, loben Große, loben Kleine. Deinem eingebornen Sohn singt die heilige Gemeinde, und sie ehrt den Heilgen Geist, der uns seinen Trost erweist.

9) Sieh dein Volk in Gnaden an. Hilf uns, segne, Herr, dein Erbe; leit es auf der rechten Bahn, dass der Feind es nicht verderbe. Führe es durch diese Zeit, nimm es auf in Ewigkeit.

Fürbittengebet:

Guter Gott, wir bitten Dich: Höre unsere Gebete. Greife Du mit Deinem Segen ein in den Lauf der Dinge und wende sie zum Guten.

Wir bitten Dich heute für die Konfirmanden unserer Gemeinde. Du weißt, dass sie heute ihre Konfirmation gehabt hätten. Nun ist alles anders und noch offen. Wir bitten Dich, lass sie mit Dir und Deiner Gemeinde verbunden bleiben. Zeige uns, wann und wie wir unter diesen Bedingungen eine schöne Konfirmation miteinander feiern können.

Herr, heute ist auch Muttertag. Wir danken dir für die unzähligen Mütter, die tagein, tagaus zuhause den Laden am Laufen halten. Du siehst, wie sie gerade auch in dieser Zeit besonders gefordert und manchmal auch überfordert sind, wenn nun neben all den sonstigen Aufgaben auch noch die Betreuung der Kindergarten- und Schulkinder hinzugekommen ist. Wir danken Dir für ihren Einsatz und bitten Dich, dass Du ihnen Kraft und Liebe schenkst. Zeige den Kindern und Vätern, wie sie die Mütter besser unterstützen können. Ganz besonders wollen wir Dir die alleinerziehenden Mütter anbefehlen. Lass sie ganz besonders erfahren, dass sie in ihrer Situation nicht alleine sind, sondern dass Du da bist und für sie sorgst.

Allmächtiger Gott, am Freitag haben wir an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren gedacht. Wir danken Dir für den Frieden, den wir seither in den meisten Teilen Europas haben dürfen. Wir bitten Dich, erhalte uns diesen Frieden. Schenke den Völkern Europas, dass sie auch in der Coronakrise zueinanderstehen und alles tun, was dem Frieden dient. Bitte sei auch bei den Menschen, die noch immer unter den Folgen des Krieges leiden, die inzwischen hochbetagt sind, deren Leben jedoch von dem geprägt wurde, was sie als Kinder und Jugendliche erleben mussten. Heile Du ihre inneren Wunden. Lass ihre Seelen Frieden finden bei Dir.

[Hier können weitere Fürbitten angeschlossen werden]

Und gemeinsam beten wir mit den Worten Jesu:

Vaterunser:

Vater unser im Himmel Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Lied: NL 71,1-2 (Mögen sich die Wege vor deinen Füßen ebnen)

1) Mögen sich die Wege vor deinen Füßen ebnen, mögest du den Wind im Rücken haben, und bis wir uns wieder sehn, und bis wir uns wieder sehn, möge Gott seine schützende Hand über dir halten.

2) Möge warm die Sonne auch dein Gesicht bescheinen, Regen sanft auf deine Felder fallen, und bis wir uns wieder sehn, und bis wir uns wieder sehn, möge Gott seine schützende Hand über dir halten.

Wochenspruch:

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. (Psalm 98,1)

Bitte um Gottes Segen:

Herr, wir bitten dich: Schenke Du uns für die kommende Woche deinen Frieden, deine Liebe und deinen Segen und so sprechen wir im Vertrauen auf Dich: Der Herr segne uns und behüte uns, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns seinen Frieden. So segne uns Gott der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen

Orgelnachspiel aus der Friedenskirche Tiefenbronn

Johann Sebastian Bach (1685-1750) - Präludium in C-dur

EG 617,1-3 (Kommt herbei, singt dem Herrn)

EG 302,1-3.8 (Du meine Seele singe)

EG 331,1-3.5.9 (Großer Gott wir loben dich)

NL 71,1-2 (Mögen sich die Wege vor deinen Füßen ebnen)

Hörpredigt

Predigt zu 2. Chronik 5,2-5.12-14

Lesepredigt

Liebe Gemeinde, welch ein Sonntag, der diesjährige Sonntag Kantate. Es ist der Sonntag der singenden Gemeinde, so zumindest lautet sein Thema. Heute feiern einige Gemeinden nach acht Wochen Zwangspause nun auch wieder ihren ersten öffentlichen Gottesdienst. Ein Grund zum Feiern und Jubeln. Aber ausgerechnet singen, das darf man im Gottesdienst heute und bis auf weiteres noch nicht. Wir in Mühlhausen hätten heute eigentlich Konfirmation. 15 junge Menschen hängen mit ihrer Konfirmation in der Luft. Wann, wo und wie sie stattfinden wird, ist im Moment noch nicht absehbar. Das ist kein Grund zum Jubeln. Eine Gemeinde, die sich nicht sieht, die sich nicht gegenseitig ermutigen und trösten kann, die nicht gemeinsam laut feiern und singen kann, ist eine ziemlich deprimierende Angelegenheit.

In dieser Stimmungslage begegnet uns nun ein Predigttext aus einer ganz anderen Zeit mit ganz anderen Rahmenbedingungen. Der Text handelt von einer „Einweihungsparty“ der ganz besonderen Art: Es geht um die Einweihung des Salomonischen Tempels in Jerusalem. Ich lese aus dem 2. Buch der Chronik, Kapitel 5:

2 Nun ließ König Salomo die Ältesten Israels nach Jerusalem kommen, die Vertreter aller Stämme und Sippen. Sie sollten die Bundeslade des Herrn von der Davidsstadt auf dem Zionsberg in den Tempel hinaufbringen. 3 Alle Männer Israels kamen deshalb am Laubhüttenfest im siebten Monat zu König Salomo. 4 Als die Ältesten versammelt waren, hoben die Leviten die Bundeslade auf ihre Schultern 5 und trugen sie zum Tempel hinauf. Mit Hilfe der Priester aus der Nachkommenschaft Levis brachten sie auch das Heilige Zelt und alle seine Geräte dorthin. 12 Auch die Tempelsänger waren vollzählig zugegen: die Leviten Asaf, Heman und Jedutun mit allen ihren Söhnen und Verwandten. Sie trugen Gewänder aus feinem weißen Leinen und standen mit ihren Becken, Harfen und Lauten an der Ostseite des Altars. Ihnen zur Seite standen hundertzwanzig Priester mit Trompeten. 13 Diese setzten gleichzeitig mit den Sängern, den Becken und anderen Instrumenten ein. Es klang wie aus einem Mund, als sie alle miteinander den Herrn priesen mit den Worten: »Der Herr ist gut zu uns, seine Liebe hört niemals auf!« In diesem Augenblick erfüllte eine Wolke den Tempel, das Haus des Herrn. 14 Die Priester konnten ihren Dienst wegen der Wolke nicht fortsetzen, denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das ganze Heiligtum.

Liebe Gemeinde, eine Einweihungsfeier ist etwas ganz Besonderes. Gerne erinnere ich mich an die Wiedereinweihung unseres Wasserschlosses im Oktober 2014 zurück. Ich denke, damals haben wir einiges erlebt, was auch für die Einweihung des Tempels galt und was für jeden gilt, der ein Haus baut. Die Einweihung kennzeichnet das Ende eines mühsamen und langen Weges. Die Einweihung bedeutet: Diejenigen, für die das Gebäude bestimmt ist, haben nun endlich ein Zuhause, eine Heimat, wo sie wohnen, leben und arbeiten können.

Wie muss es für Gott und sein Volk Israel gewesen sein, als sie nach 40 Jahren Umherirren in der Wüste endlich einen Ort hatten, an dem sie ankommen und bleiben konnten? Die Freude und Erleichterung der Israeliten kann ich mir gut vorstellen und auch die Feier mit lautem Gesang, mit Harfen und Trompeten.

Wie schön muss es sein, wenn man einen festen Ort hat, bei dem man weiß: Hier wohnt Gott, hier kann ich ihm begegnen. Hier hört er mir zu und nimmt sich meiner an. Hier kann ich meiner Freude wie auch meiner Klage eine laute Stimme geben. Der Jerusalemer Tempel ist ein solcher Ort, bis heute, auch wenn dort kein Stein mehr auf dem anderen steht. Die Juden haben dort nun ihre Klagemauer, an der sie sich Gott nahe fühlen. Hier können sie ihm alles sagen, was sie auf dem Herzen haben. Hier können sie ihrer Hoffnung Raum geben, dass es eines Tages wieder einen Tempel geben wird, in dem Gott mit seiner Herrlichkeit wohnt.

Doch nun zurück zu uns. Wo begegnen wir Gott? Wo wohnt Gott? Letzte Woche haben wir in der Predigt gehört, wie Jesus das Bild vom Weinstock gebraucht, um uns zu zeigen, wie wir mit ihm verbunden sind und bleiben. Zwei Fragen von letzter Woche möchte ich hier wieder aufgreifen:

Die erste lautet: Ist die körperliche sichtbare Nähe der Gemeindeglieder ein Ersatz oder ein Trost für die fehlende körperliche Nähe Jesu?

Und die zweite: Wo helfen unsere Gottesdienste uns dabei, unsere Beziehung zu Gott zu vertiefen oder vielleicht sogar das erste Mal erst zu ermöglichen?

Eigentlich müsste die Coronakrise für uns Christen doch kein Problem sein. Im Gegenteil, sie bestärkt uns doch sogar in einem ungeschriebenen Gesetz. Dieses ungeschrieben Gesetzt lautet: Glaube ist Privatsache und ich brauche die Kirche und den Gottesdienst nicht, um Gott nahe zu sein. Also ist doch alles in bester Ordnung, oder?

Unser Predigttext zeigt uns etwas anderes. Hier ist Glaube eine zutiefst öffentliche Sache und eine Sache der Gemeinschaft. Der Tempel ist der Ort, der die Menschen aus ihrer Isolation und Vereinsamung wie ein Magnet herauszieht und an sich bindet. Bis heute zieht der Tempelberg Menschen an, nicht nur Juden sondern auch Christen und vor allem Muslime.

Als evangelische Christen haben wir unsere Bezugspunkte, unsere heiligen Orte, vielfach verloren. Wir suchen sie vielleicht im Urlaub auf, gehen dort in die schönen und altehrwürdigen Kathedralen, doch die Heiligtümer vor Ort führen häufig ein Schattendasein. Das ist schade, denn damit berauben wir uns einer wichtigen Hilfe und Stärkung im Glauben.

Eine Kirche ist wie ein gestimmtes Instrument. Alles in diesem Gebäude ist aufeinander abgestimmt. Jedes Detail enthält eine Botschaft. Kirchen lassen in dem Betrachter etwas erklingen, was woanders nicht erklingt. In der Natur kann ich Gott auch sehr gut begegnen, aber in der Natur wird meine Aufmerksamkeit oft nicht so auf einen Punkt fokussiert, wie in einer Kirche. Das finde ich auch in unseren drei Kirchen das Erstaunliche. Egal wo man sitzt, egal welche Perspektive man hat, alle Blicke und Gedanken werden durch den Kirchenraum auf einen Punkt gelenkt, auf ein Gegenüber. Der Fixpunkt in allen Kirchen ist der Altarraum. Hier liegt die Bibel, hier steht das Kreuz, hier brennen die Kerzen, hier ist die Natur durch den Blumenschmuck präsent.

Der Gemeindegesang in der Kirche ist der Weg, um die Vielzahl von Stimmungen und Gedanken der Besucher einzufangen und in Einklang zu bringen. Durch das Singen und die Liturgie verschmilzt eine Vielzahl von Individuen zu einem Leib. Dabei stellt sich ein tiefes Gefühl der seelischen Verbundenheit miteinander und mit Gott ein. Das ist es, was das Singen so wertvoll macht. Das ist es, wovon unser Predigttext spricht, wenn es heißt: Es klang wie aus einem Mund, als sie alle miteinander den Herrn priesen.

Gerade der Gemeindegesang fehlt vielen zur Zeit ganz besonders. Die Kirchen jedoch, diese gestimmten Instrumente, diese Auszeitorte, die sind da!

Wie die Gemeinde sind Kirchengebäude ein Trost, ein sichtbarer Ersatz für den, der unsichtbar bei uns ist.

Ja es stimmt, seit Jesu Tod am Kreuz hat der Tempel seine Bedeutung als Opferplatz verloren. Gott beschränkt sich nun nicht mehr nur auf sein Heiligtum. (Das hat er auch nie getan). Durch den Heiligen Geist möchte Gott nun auch in unserem Leib wohnen – als einem Tempel des Heiligen Geistes. Das ist ein Trost für die, die einsam sind, die nicht mehr aktiv am Gemeindeleben teilnehmen können, die nicht mehr die Kraft und Gesundheit haben, um sonntags einen Gottesdienst in „ihrer“ Kirche zu besuchen.

Doch ganz gleich, ob wir alleine zuhause sind, oder als Gemeinde miteinander versammelt: Immer brauchen wir einen Ort für unsere Gottesbegegnung. Diese Orte dienen uns, diese Orte helfen unserem Leib, den Alltag hinter sich zu lassen und sich bewusst zu machen, dass Gott da ist und dass wir mit ihm Gemeinschaft haben können. Das vergisst man schnell, wenn man sich zuhause durch Wäsche- und Geschirrberge kämpfen muss, wenn man permanent versuchen muss, den Laden am Laufen zu halten, wenn man in seiner digitalen Blase aus Onlinespielen und anderen Ablenkungen gefangen ist.

Das Kirchengebäude ist wie ein Sonntags- oder Konfirmationsanzug. Es soll einem helfen, das Alltägliche vom Heiligen unterscheiden zu lernen. Es soll einem bewusst machen, dass wir mehr sind, als nur Aufgabenerfüller, dass wir schön sind, dass wir für Gott was Besonderes sind, dass wir heilig sein sollen, weil er auch heilig ist.

Momentan sind unsere äußeren und inneren Kirchen weniger mit einer Wolke der Herrlichkeit des Herrn erfüllt, als vielmehr mit einer Wolke aus Angst, Befürchtungen und Regularien. Es wird lange dauern, bis wir wieder unbeschwert gemeinsam Gottesdienste feiern können, die uns mehr an die Herrlichkeit Gottes erinnern, als an die Allgegenwart von Coronaviren. Umso wichtiger ist es, dass wir unsere Kirchengebäude auch außerhalb der regulären Gottesdienste wieder als Rückzugsorte in die Gegenwart Gottes entdecken, als Trutzburgen, hinter deren Mauern wir Abstand und Schutz von den Sorgen und Belastungen dieser schwierigen Zeit finden.

Über der Tür der Tiefenbronner Friedenskirche steht hierzu ein passender Bibelvers aus dem Propheten Habakuk, Kapitel 2, Vers 20. Er ist eine schöne Verheißung für alle, die Gott in einer offenen Kirche begegnen wollen:

Aber der HERR ist in seinem heiligen Tempel. Es sei stille vor ihm alle Welt!

Ruhe und Stille vor allen Anfechtungen, die unsere Welt mit sich bringt, die können wir gut gebrauchen, damit unsere Seelen wieder ins Gleichgewicht kommen.

Leider können wir aus organisatorischen Gründen derzeit nicht alle drei unserer Kirchen dauerhaft tagsüber öffnen. Deswegen stecken wir unsere Energie und Konzentration momentan vor allem in die Kreuzkirche. Hier haben wir die meisten Gestaltungsmöglichkeiten. Ich weiß, dass das für unsere Gemeindeglieder aus Hamberg, Steinegg oder Neuhausen vom Weg her ungünstig ist. Wer macht sich die Mühe, sich von dort aus auf den Weg nach Mühlhausen zu machen, „nur“ um zu beten und Stille zu finden? Ja es lohnt sich nur, wenn man sich Zeit nimmt, wenn man sich dort mit Gott verabredet. Positiv formuliert kann man sagen: Die Mühen, die man auf sich nimmt, um dorthin zu gelangen sind ein Zeichen, eine Hilfe, die Gott und einem selbst zeigen, wie wichtig einem die Begegnung mit ihm ist und wie sehr man sich mit seiner Gemeinde verbunden fühlt. Fahren wir nicht für viel banalere Dinge schon bis nach Pforzheim oder anderswohin? Ist der Weg wirklich das Problem? Oder liegt das Problem nicht eher an den Sklaventreibern zuhause (und in uns), die uns keine Ruhe gönnen, die uns hetzen und vor sich hertreiben? Warum nicht mal die Hetzer und Treiber, die Ängste und Unruhe zuhause einsperren, sich ins Auto oder aufs Fahrrad setzen und ihnen einfach wegfahren und sie sich selbst überlassen. Oder warum nicht mal eine Wanderung durch den schönen Wald von Neuhausen oder anderswo nach Mühlhausen zur Kreuzkirche machen, die Natur unterwegs genießen und dann Gott in der Kirche dafür ein „Dankopfer“ mit Lobpreis und Gebet darbringen.

Und noch eines kann man alleine in einer offenen Kirche wunderbar und hemmungslos: Singen, nach Herzenslust, laut, leise, schief oder schön. Amen

Friedenskirche Tiefenbronn, Eingangsportal

Friedenskirche Tiefenbronn, Eingangsportal