Videogruß zum 1. Sonntag nach Trinitatis (14. Juni 2020)

Vorspiel (Orgel und Trompete) aus der Kreuzkirche Mühlhausen

Giuseppe Torelli (1658-1709) - Konzert D-dur 1. Satz

Orgel: Wolfgang Bürck

Trompete: Jakob Bänsch

Ablauf (Liturgie) des Hausgottesdienstes

Votum:

Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Lied: Die güldene Sonne bringt Leben und Wonne ( EG 444,1-3)

1) Die güldene Sonne bringt Leben und Wonne, die Finsternis weicht. Der Morgen sich zeiget, die Röte aufsteiget, der Monde verbleicht.

2) Nun wollen wir loben den Höchsten dort oben, dass er uns die Nacht hat wollen behüten vor Schrecken und Wüten der höllischen Macht.

3) Kommt, lasset uns singen, die Stimmen erschwingen, zu danken dem Herrn. Ei bittet und flehet, dass er uns beistehet und weiche nicht fern.

Psalm: Psalm 34 (EG 718.I)

Ich will den HERRN loben allezeit; sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.

Meine Seele soll sich rühmen des HERRN, dass es die Elenden hören und sich freuen.

Preiset mit mir den HERRN und lasst uns miteinander seinen Namen erhöhen!

Da ich den HERRN suchte, antwortete er mir und errettete mich aus aller meiner Furcht.

Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude, und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden.

Als einer im Elend rief, hörte der HERR und half ihm aus allen seinen Nöten.

Der Engel des HERRN lagert sich um die her, die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.

Schmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist. Wohl dem, der auf ihn trauet!

Fürchtet den HERRN, ihr seine Heiligen! Denn die ihn fürchten, haben keinen Mangel.

Reiche müssen darben und hungern; aber die den HERRN suchen, haben keinen Mangel an irgendeinem Gut.

(Psalm 34,2-11)

Gebet:

Herr, wir danken dir für diesen neuen Tag. Danke, dass du uns in der vergangenen Nacht behütet hast. Wir kommen jetzt vor dich und bitten dich: Sei du jetzt bei uns, wenn wir diesen Gottesdienst miteinander feiern. Schenke uns gute Gedanken. Verwandle du den Ort, an dem wir diesen Gottesdienst feiern in einen heiligen Ort der Gottesbegegnung. Lass uns unseren „brennenden Dornbusch“ finden, aus dem heraus wir dich zu uns reden hören.

Auch heute haben wir einiges, was wir mit dir in der Stille besprechen wollen.

[Hier können wir unsere Ablenkungen, unsere Unruhe aber auch unsere Zweifel und geistlichen Anfechtungen vor Gott bringen.]

Herr, bitte erbarme dich über uns und vergib uns, wo du nicht den ersten Platz in unserem Leben hattest, wo wir mehr mit uns als mit dir beschäftigt waren. Hilf uns dabei die Prioritäten in unserem Leben neu zu ordnen und lass uns erkennen, welch ein Segen aus einem Leben mit dir kommt. Amen

Zuspruch:

Ich bin in die Welt gekommen als ein Licht, damit, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe. (Johannes 12,46)

Lesung: Lukas 16,19-31

19 Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. 20 Ein Armer aber mit Namen Lazarus lag vor seiner Tür, der war voll von Geschwüren 21 und begehrte sich zu sättigen von dem, was von des Reichen Tisch fiel, doch kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. 22 Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben. 23 Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. 24 Und er rief und sprach: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und kühle meine Zunge; denn ich leide Pein in dieser Flamme. 25 Abraham aber sprach: Gedenke, Kind, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, du aber leidest Pein. 26 Und in all dem besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber. 27 Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; 28 denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. 29 Abraham aber sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. 30 Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. 31 Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.

Glaubensbekenntnis:

Verbunden mit der ganzen Christenheit auf Erden bekennen und bezeugen wir unseren Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

Lied: Von Gott will ich nicht lassen (EG 365,1.3-4)

1) Von Gott will ich nicht lassen, denn er lässt nicht von mir, führt mich durch alle Straßen, da ich sonst irrte sehr. Er reicht mir seine Hand, den Abend und den Morgen tut er mich wohl versorgen, wo ich auch sei im Land, wo ich auch sei im Land.

3) Darum, ob ich schon dulde hier Widerwärtigkeit, wie ich auch wohl verschulde, kommt doch die Ewigkeit, ist aller Freuden voll, die ohne alles Ende, und, weil ich Christus kenne, mir widerfahren soll, mir widerfahren soll.

4) Das ist des Vaters Wille, der uns geschaffen hat. Sein Sohn hat Guts die Fülle erworben uns und Gnad. Auch Gott der Heilig Geist im Glauben uns regieret, zum Reich der Himmel führet. Ihm sei Lob, Ehr und Preis! Ihm sei Lob, Ehr und Preis!

Predigt zu Apostelgeschichte 4,32-37

Lied: Herr, dein Wort, die edle Gabe (EG 198,1-2)

1) Herr, dein Wort, die edle Gabe, diesen Schatz erhalte mir; denn ich zieh es aller Habe und dem größten Reichtum für. Wenn dein Wort nicht mehr soll gelten, worauf soll der Glaube ruhn? Mir ist's nicht um tausend Welten, aber um dein Wort zu tun. 2) Halleluja, Ja und Amen! Herr, du wollest auf mich sehn, daß ich mög in deinem Namen fest bei deinem Worte stehn. Lass mich eifrig sein beflissen, dir zu dienen früh und spat und zugleich zu deinen Füßen sitzen, wie Maria tat.

Fürbittengebet:

Herr, du weißt alles und du kennst in jedes deiner Geschöpfe. Wenn wir jetzt füreinander beten, dann treffen unsere Anliegen und Gedanken die deinen. Wir vertrauen darauf, dass deine Weisheit unendlich viel größer ist als die unsere. Führe und leite du die Dinge dieser Welt so, dass dein Wille geschehe.

Guter Gott, wir bitten dich für die nun beginnende letzte Schulzeit vor den Sommerferien. Du weißt, wie schwer der Weg zurück in die Schule ist, wenn es für Lehrer und Schüler so viel zu bedenken und zu beachten gibt. Schenke du einen guten Start des Schulbetriebs und hilf dabei, dass der regelmäßige Wechsel von Schule vor Ort und zuhause gut gelingen kann.

Herr, wir danken dir, dass du uns so gut versorgst und dass wir in einem so reichen Land leben dürfen. All das, was wir haben, ist nicht selbstverständlich. Zeige uns, wie wir mit all dem Gut umgehen sollen. Zeige uns, wo und wie wir so leben können, wie wir es im Predigttext über das Zusammenleben und Teilen der ersten Christen gehört haben. Schenke uns dieselbe Freude am Teilen, die diese Christen damals erfahren haben. Mach uns freigiebiger, damit andere Menschen und deine Schöpfung von unserem Gut profitieren und dich dafür loben und preisen können.

Gewähre du denjenigen Einhalt, die auf Kosten anderer leben und die an deiner Schöpfung Raubbau treiben. Ganz besonders bitten wir dich für die Lage in Brasilien. Du siehst, wie der Regenwald dort erbarmungslos vernichtet wird. Du siehst wie kurzsichtig und verheerend dieser Raubbau ist. Herr, dieses Land steht am Abgrund und wir bitten dich, greife du dort ein. Bewahre du das Werk deiner Hände vor der Dummheit und Hartherzigkeit von Menschen.

Herr, die Rassenunruhen der letzten Tage und Wochen in Amerika haben uns erschreckt. Statt in dieser schweren Pandemie zusammen zu stehen und füreinander da zu sein, entlädt sich Wut und Verzweiflung in Hass und Gewalt. Kein Land und keine Gesellschaft ist vor Rassismus sicher. Bitte schenke du in Amerika und anderswo Ruhe, Besonnenheit und den Geist der Einheit.

Barmherziger Gott, wir wollen auch weiterhin nicht die Länder vergessen, die besonders unter der Pandemie zu leiden haben, in denen die Opferzahlen täglich steigen und wo Ärzte und Pflegekräfte ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen, weil sie unzureichend geschützt sind. Bitte erbarme dich über die besonders schwer betroffenen Länder und schenke auch hier eine positive Wende.

[Hier können wir in der Stille die Dinge vor Gott bringen, die uns als Anliegen spontan in den Sinn kommen.] 

Und gemeinsam beten wir mit den Worten Jesu:

Vaterunser:

Vater unser im Himmel Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Lied: Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott (EG 171,1-4)

1. Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns auf unsern Wegen. Sei Quelle und Brot in Wüstennot, sei um uns mit deinem Segen, sei Quelle und Brot in Wüstennot, sei um uns mit deinem Segen.

2. Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns in allem Leiden. Voll Wärme und Licht im Angesicht, sei nahe in schweren Zeiten, voll Wärme und Licht im Angesicht, sei nahe in schweren Zeiten.

3. Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns vor allem Bösen. Sei Hilfe, sei Kraft, die Frieden schafft, sei in uns, uns zu erlösen, sei Hilfe, sei Kraft, die Frieden schafft, sei in uns, uns zu erlösen.

4. Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns durch deinen Segen. Dein Heiliger Geist, der Leben verheißt, sei um uns auf unsern Wegen, dein Heiliger Geist, der Leben verheißt, sei um uns auf unsern Wegen.

Wochenspruch:

Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich. (Lukas 10,16a)

Bitte um Gottes Segen:

Herr, wir bitten dich: Schenke Du uns für die kommende Woche deinen Frieden, deine Liebe und deinen Segen und so sprechen wir im Vertrauen auf Dich:

Der Herr segne uns und behüte uns,

der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns seinen Frieden.

So segne uns Gott der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Amen

Nachspiel (Orgel und Trompete) aus der Kreuzkirche Mühlhausen

Giuseppe Torelli (1658-1709) - Konzert D-dur 3. Satz

Opferbüchse in der Kreuzkirche Mühlhausen

Die Güldenen Sonne bringt Freude und Wonne (EG 444,1-3)

Von Gott will ich nicht lassen (EG 365,1.3-4)

Herr, dein Wort, die edle Gabe (EG 198,1-2)

Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott

Hörpredigt

Lesepredigt

Liebe Gemeinde, zunächst möchte ich Euch alle ganz herzlich grüßen. Ich hoffe, dass es Euch gut geht und ihr für euch persönlich trotz der äußeren Umstände dennoch optimistisch und mit Gottvertrauen in die Zukunft blicken könnt.

Der heutige Predigttext aus der Apostelgeschichte erinnert uns an unsere Gemeinschaft als Gemeinde, an das, was uns stark macht. Hierbei geht es nicht um leere Worte oder fromme Wünsche, sondern um ganz handfeste und materielle Dinge. Ich lese aus der Apostelgeschichte, Kapitel 2:

32 Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. 33 Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. 34 Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte 35 und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte. 36 Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig, 37 der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

Liebe Gemeinde, wie geht es Euch, wenn ihr diesen Bericht über das Zusammenleben der ersten Christen hört, wenn ihr von ihrer Gütergemeinschaft hört? Hört sich das gut an? Oder hört sich das für euch utopisch an, wie ein Bericht aus einer längst vergangenen Welt, die so gar nichts mehr mit der unseren zu tun hat?

Lukas hätte diese Beschreibung der Gütergemeinschaft der ersten Christen sicherlich nicht aufgeschrieben, wenn sie nicht schon damals für Irritation gesorgt hätte. Diese Form des Teilens und Zusammenlebens muss sich deutlich von der Lebensweise der Nichtchristen unterschieden haben.

Wenn das damals in der Gemeinde scheinbar gut geklappt hat, warum können wir dann heute nicht dasselbe machen? Sowohl der Kommunismus wie auch der Sozialismus haben genau das versucht. Die große Umverteilung wurde zum Staatsziel erhoben. Den Besitzenden wurde genommen, was sie hatten, und den bisher benachteiligten Arbeitern und Bauern sollte unter die Arme gegriffen werden. Dieses groß angelegte Experiment der Weltgeschichte ging leider ziemlich schief. Der allmächtige Staat konnte vieles, aber eines konnte er nicht: Die menschliche Natur verändern. Der Mensch ließ sich nicht zu einem besseren und sozialeren Wesen umerziehen, das fortan auf Gerechtigkeit und freizügiges Teilen angelegt ist. Der Idealismus des Sozialismus und Kommunismus hatte dem Streben nach Freiheit und Besitz auf Dauer nichts Überzeugendes entgegenzusetzen.

Sind wir als Christen und Gemeinde Jesu Christi hier nicht genauso gescheitert? Wo leben wir heute noch das Ideal der ersten Christen?

Uns im Biet geht es überwiegend gut. Die meisten von uns haben ein hübsches Haus, zum Großteil mit Garten. Auto, Hobbys und Urlaub gehören auch dazu.

Wir haben uns unseren hohen Lebensstandard im Laufe unseres Lebens verdient, denn schließlich kommt ja nichts von nichts. Warum sollten wir das, was wir mühevoll erarbeitet haben, verkaufen und anderen zur Verfügung stellen? Es reicht doch, wenn wir gelegentlich etwas spenden.

Ich denke, Lukas wollte uns mit seinem Bericht nicht dazu auffordern, unseren Besitz zu verkaufen. Er wollte uns auch kein schlechtes Gewissen machen, als dürfe man sich nicht an dem freuen, was man hat. Nein, Lukas geht es um etwas ganz anderes. Er beschreibt uns das Zusammenleben von Menschen, die innerlich befreit waren, Menschen, die nicht mehr den Zwang verspürten, alles zusammenzuraffen und festzuhalten zu müssen. Freigiebige Menschen haben ein Kennzeichen: Sie sind frei. Und genau das ist der Unterschied zu den Menschen in totalitären Systemen wie dem Kommunismus, dem Sozialismus, dem Faschismus und all den andern -ismen. In all diesen Systemen wird Veränderung nur mit Zwang, Gewalt und Unfreiheit herbeigeführt.

Die ersten Christen haben erlebt, wie Gott ihnen ihre Freiheit zurückgegeben hat, indem sie frei entscheiden konnten, wie sie ihr Leben führen. Sie wurden nicht zum Teilen gezwungen, sondern taten dies aus freien Stücken, weil es ihnen ein Anliegen war. Hier ging es nicht darum, ob man durch Teilen ein besserer Christ wird. Dieser Gedanke kam erst dann auf, als Freiheit und Barmherzigkeit in Unfreiheit und Gesetzlichkeit erstickt wurde. Ich glaube, wir sind von dieser Freigiebigkeit oft weniger weit entfernt, als wir meinen. Denn wir wissen es ja von uns selbst: Die Dinge, die uns am Herzen liegen, für die haben wir immer noch irgendwie etwas Zeit und Geld übrig. Das gilt nicht nur für Konsum und Hobbys, sondern auch für soziale und wohltätige Zwecke. Wenn wir den Sinn einer Aktion nachvollziehen können, dann sind wir auch bereit diese Aktion zu unterstützen. Schließlich wollen wir in und mit unserem Leben ja auch etwas verändern.

Damit mir etwas ans Herz wachsen kann, muss ich aber auch in einer Beziehung dazu stehen. Und damit ich etwas Gutes tun kann, muss ich wissen, wo der Schuh drückt.

Die Apostel damals hatten die Aufgabe, die Spendengelder der Gemeinde zu verwalten und gut und sinnvoll zu verteilen. Sie wussten, in welchen Familien Not herrschte und wo und wie man am besten helfen konnte.

Je enger wir als Gemeinde zusammenwachsen und „ein Herz und eine Seele“ werden – wie es der Predigttext formuliert – , desto eher wissen wir auch wieder, wo und wie wir am besten konkret helfen können.

Bei uns vor Ort ist es, so mein Eindruck, oft gar nicht so sehr das Geld, was benötigt wird. Da geht es mehr um andere Formen der Hilfe, da ist unsere sinnvollste Spende vielleicht manchmal die Zeit und die Geduld, die wir für andere aufbringen. Unsere finanziellen Unterstützungen können wir für die Bereiche aufheben, in denen die finanziellen Nöte offensichtlicher sind. Es gibt unzählige Kinderschutz-, Naturschutz-, Tierschutz- und sonstige Projekte und Institutionen, die auf unsere Unterstützung angewiesen sind. Auch viele Christliche Gemeinden in anderen Ländern leiden unter Armut und sind auf Hilfe angewiesen.

Egal wo werden wir uns vor allem da engagieren, wo unser Herz schlägt und wo wir das Gefühl haben, dass unser Geld gut verwendet wird. Die größte Freude dürften dabei oft die haben, die mit diesem Geld dann vor Ort auch etwas retten, schützen und unterstützen können, die mit ihren eigenen Augen sehen und erleben, dass sich Dinge zum Guten wenden können. Mit unserer Freigiebigkeit machen wir so auf dreierlei Weise glücklich: Die Empfänger, die Helfer und uns.

Die ersten Christen wie auch wir heute erleben, dass Freigiebigkeit Teilhabe ermöglicht, Teilhabe am Bau des Reiches Gottes. Und dieses Reich wird überall da gebaut, wo Liebe, Friede, Gerechtigkeit, Freiheit, Versöhnung und Heilung herrschen.

Gott fordert uns nicht auf unseren Besitz aufzugeben und zu verkaufen. Er fordert uns aber auf, seinem Sohn Jesus Christus nachzufolgen und das zu tun, was wir ihn tun sehen. Dabei kann es vorkommen, dass wir im Herzen bereits wissen, was wir in einer bestimmten Situation tun sollten. Dann brauchen wir den Mut und die Freiheit, auch eine entsprechende Entscheidung zu treffen. Je öfters wir gute Entscheidungen getroffen haben, desto öfter erleben wir auch die Freude und das Glück, das mit solchen Entscheidungen zusammenhängt. Wir erleben, dass Gott uns nicht mit leeren Händen zurücklässt, sondern dass er uns weitere Dinge anvertraut, die wir in seinem Sinne gebrauchen und verwenden dürfen.

Wie die gelebte Gütergemeinschaft der ersten Christen auch in einer digitalisierten und globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts aussehen kann, habe ich ganz konkret bei einem Projekt von World Vision erlebt. Bei dem Projekt „Erwählt“ geht es darum, dass sich Kinder in Afrika selbst einen Paten wählen können. Hierfür wurde beim Willowcreek Leitungskongress in Karlsruhe Ende Februar diesen Jahres eine größere Zahl von Paten angeworben, die bereit waren, regelmäßig ein Kind in Kenia zu unterstützen. Von jedem Paten wurde vor Ort ein Foto gemacht und alle Fotos wurden dann nach Kenia gemailt und in einer Schule aufgehängt. Die dortigen Kinder konnten sich dann ihren Paten anhand der Fotos aussuchen. Zusammen mit dem Foto ihres Paten in der Hand wurden die Kinder dann dort fotografiert und dieses Foto dann zu den Paten zurückgeschickt. Sind das nicht wunderbare Möglichkeiten in unserer gegenwärtigen Welt? Auf einmal haben Paten in Deutschland ein Gesicht und einen Namen von einem Kind in Afrika vor Augen, wenn sie Berichte über Heuschreckenplagen in Kenia und anderen afrikanischen Ländern erhalten, oder wenn sie von den Auswirkungen der Coronapandemie in Afrika hören. So entstehet eine Beziehung und ein Gefühl von Verantwortung. Hier geht es darum, dass sich zwei Menschen aufeinander einlassen. Genau das ist es, worum es in unserem Leben geht und worin wir den Sinn unseres Lebens finden können. Gott hat uns in diese Welt gestellt und uns das Leben unserer Mitmenschen und Geschöpfe anvertraut. Es geht um die Frage, ob wir mit unserem Leben und unseren Möglichkeiten einen Unterschied in dieser Welt machen, ob wir die Welt mit unserer Lebenszeit heller oder dunkler machen. Es geht darum, ob wir Gott mit einem veränderten Lebensstiel die Ehre geben oder eben nicht. Diese Frage war für die Christen der Urgemeinde genauso zentral, wie für die Christen der Pfarrgemeinde in Mühlhausen und anderswo heute.

Wo wir ein Herz und Seele bilden, da ist das Reich Gottes mitten unter uns. Amen.

 

Anmerkung: Ein Video über das Projekt "Erwählt" von World Vision findet ihr hier: