Videogruß zum Sonntag Rogate (17.05.2020)

Orgelvorspiel aus der Markuskirche in Pforzheim

Isfried Kayser (1712-1771) - Ouvertüre B-dur

Ablauf (Liturgie) des Hausgottesdienstes

Votum:

Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Lied: EG 166,1-3.6 (Tut mir auf die schöne Pforte)

1) Tut mir auf die schöne Pforte, führt in Gottes Haus mich ein; ach wie wird an diesem Orte meine Seele fröhlich sein! Hier ist Gottes Angesicht, hier ist lauter Trost und Licht.

2) Ich bin, Herr, zu dir gekommen, komme du nun auch zu mir. Wo du Wohnung hast genommen, da ist lauter Himmel hier. Zieh in meinem Herzen ein, laß es deinen Tempel sein.

3) Laß in Furcht mich vor dich treten, heilige du Leib und Geist, daß mein Singen und mein Beten ein gefällig Opfer heißt. Heilige du Mund und Ohr, zieh das Herze ganz empor.

6) Rede, Herr, so will ich hören, und dein Wille werd erfüllt; nichts laß meine Andacht stören, wenn der Brunn des Lebens quillt; speise mich mit Himmelsbrot, tröste mich in aller Not.

Psalm: Psalm 95

Kommt herzu, lasst uns dem HERRN frohlocken und jauchzen dem Hort unsres Heils!

Lasst uns mit Danken vor sein Angesicht kommen und mit Psalmen ihm jauchzen!

Denn der HERR ist ein großer Gott und ein großer König über alle Götter.

Denn in seiner Hand sind die Tiefen der Erde, und die Höhen der Berge sind auch sein.

Denn sein ist das Meer, und er hat's gemacht, und seine Hände haben das Trockene bereitet.

Kommt, lasst uns anbeten und knien und niederfallen vor dem HERRN, der uns gemacht hat.

Denn er ist unser Gott und wir das Volk seiner Weide und Schafe seiner Hand.

(Psalm 95,1-7a)

Gebet:

Guter Gott, wir danken dir dafür, dass wir so vor dich treten dürfen wie wir sind. Danke, dass wir Vater zu dir sagen dürfen. Danke, dass wir wissen dürfen, dass du es gut mit uns meinst.

So, wie wir sind, kommen wir nun vor dich, mit all unserer Unsicherheit, all unseren Fragen, unseren Zweifeln und Ängsten. Wir bitten dich: Sprich in unser Leben hinein. Schenke uns Orientierung und einen Weg im Leben, den wir weitergehen können. Hilf uns dabei ruhig zu werden, wenn um uns herum der Sturm tobt.

Sei du mit deinem Heiligen Geist jetzt bei uns. Verbinde uns alle durch ihn zu deiner Gemeinde. Dies bitten wir dich gerade auch jetzt in einer Zeit, in der wir uns nicht wie sonst sehen können, in der wir nicht wissen, wie es den anderen gerade geht.

[Hier können in der Stille konkrete Anliegen, Situationen, Menschen vor Gott gebracht werden]

Herr, erbarme dich über uns und unsere Anliegen. Lass uns spüren, dass du dich all dessen annimmst. Amen

Zuspruch:

Christus spricht: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er´s euch geben. Denn er selbst, der Vater, hat euch lieb. (Johannes 16,23.27)

Lesung: 2. Mose 32,7-14

7 Da sagte der Herr zu Mose: »Steig schnell hinunter! Dein Volk, das du aus Ägypten hierher geführt hast, läuft ins Verderben. 8 Sie sind sehr schnell von dem Weg abgewichen, den ich ihnen mit meinen Geboten gewiesen habe: Ein gegossenes Kalb haben sie sich gemacht, sie haben es angebetet und ihm Opfer dargebracht und gerufen: ›Hier ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägypten hierher geführt hat!‹« 9 Weiter sagte der Herr zu Mose: »Ich habe erkannt, dass dies ein widerspenstiges Volk ist. 10 Deshalb will ich meinen Zorn über sie ausschütten und sie vernichten. Versuche nicht, mich davon abzubringen! Mit dir will ich neu beginnen und deine Nachkommen zu einem großen Volk machen.« 11 Mose aber suchte den Herrn, seinen Gott, umzustimmen und sagte: »Ach Herr, warum willst du deinen Zorn über dein Volk ausschütten, das du eben erst mit starker Hand aus Ägypten herausgeführt hast? 12 Du willst doch nicht, dass die Ägypter von dir sagen: ›Er hat sie nur herausgeführt, um sie dort am Berg zu töten und völlig vom Erdboden auszurotten!‹ Lass ab von deinem Zorn, lass dir das Unheil Leid tun, das du über dein Volk bringen willst! 13 Denk doch an Abraham, Isaak und Jakob, die dir treu gedient haben und denen du mit einem feierlichen Eid versprochen hast: ›Ich will eure Nachkommen so zahlreich machen wie die Sterne am Himmel; ich will ihnen das ganze Land, von dem ich zu euch gesprochen habe, für immer zum Besitz geben.‹« 14 Da sah der Herr davon ab, seine Drohung wahr zu machen, und vernichtete sein Volk nicht.

Glaubensbekenntnis:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

Lied: EG 324,1-4.7 (Ich singe dir mit Herz und Mund)

1) Ich singe dir mit Herz und Mund, Herr, meines Herzens Lust; ich sing und mach auf Erden kund, was mir von dir bewusst.

2) Ich weiß, dass du der Brunn der Gnad und ewge Quelle bist, daraus uns allen früh und spat viel Heil und Gutes fließt.

3) Was sind wir doch? Was haben wir auf dieser ganzen Erd, das uns, o Vater, nicht von dir allein gegeben werd?

4) Wer hat das schöne Himmelszelt über uns gesetzt? Wer ist es, der uns unser Feld mit Tau und Regen netzt?

7) Ach Herr, mein Gott, das kommt von dir, du, du musst alles tun, du hältst die Wach an unsrer Tür und lässt uns sicher ruhn.

Predigt:

Lied: EG 645,1-3 (Wenn die Last der Welt dir zu schaffen macht)

1. Wenn die Last der Welt dir zu schaffen macht, hört er dein Gebet. Wenn dich Furcht befällt vor der langen Nacht, hört er dein Gebet.

Refrain: Er hört dein Gebet, hört auf dein Gebet. Er versteht was sein Kind bewegt, Gott hört dein Gebet.

2. Wenn du kraftlos bist und verzweifelt weinst, hört er dein Gebet. Wenn du ängstlich bist und dich selbst verneinst, hört er dein Gebet.

Refrain

3. Wenn die Menschheit vor ihrem Ende steht, hört er dein Gebet. Wenn die Sonne sinkt und die Welt vergeht, hört er dein Gebet.

Refrain

Fürbittengebet:

Unser Vater im Himmel, wir kommen vor dich mit unserer Welt, unserem Nächsten und mit uns. Nichts ist dir verborgen, nichts ist dir fremd. Du kennst die Herzen der Menschen und Völker und siehst wohin sie ihr Weg führt.

Herr, in den letzten Wochen und Monaten haben wir erlebt, wie zerbrechlich unsere Welt ist. Was bis vor kurzem noch so sicher und selbstverständlich schien, ist nun voller Unsicherheit und voller Fragezeichen.

Wir bitten dich für uns als deine Gemeinde: Hilf uns dabei, dass wir im Geist, im Gebet und in der Liebe verbunden bleiben. Zeige uns, wie wir in dieser herausfordernden Zeit Gemeinde Jesu Christi bleiben können. Bewahre uns davor, den Kontakt zur Gemeinde und über kurz oder lang auch zu dir zu verlieren.

Wir bitten dich für die Einsamen und für die, deren Gesundheit durch das Virus besonders bedroht wird. Gerade jetzt, wenn viele den Weg zurück in einen neuen, geregelteren Alltag suchen, fühlen sie sich zurückgelassen und abgehängt. Zeige ihnen Möglichkeiten, wie auch sie einen Weg hinaus aus der Isolation finden können. Stelle ihnen Menschen zur Seite, die sie dabei begleiten und ihnen helfen.

Wir bitten Dich für die Menschen in Amerika und an vielen anderen Orten dieser Welt, die verzweifelt sind, weil sie keine Arbeit mehr haben und deren Zukunftsperspektiven düster sind. Steh ihnen bei. Gib ihnen Weisheit und Besonnenheit. Bewahre sie vor den Verführern, die sie zu Hass und Gewalt anstacheln wollen.

Barmherziger Gott, wir bitten dich auch für die Hungernden dieser Welt und ganz besonders in Afrika. Erbarme dich über sie. Herr, im Vaterunser bitten wir dich um unser täglich Brot. Gib ihnen bitte dieses Brot. Bewahre sie davor, aus Verzweiflung und Hunger Dinge zu tun, die ihnen letztlich nicht weiterhelfen, die aber noch mehr Leid und Zerstörung über Menschen, Tiere und Pflanzen bringt.

Wir bitten Dich: Lass dein Reich des Friedens, der Gerechtigkeit und der Liebe sichtbar in dieser dunklen Zeit anbrechen.

[Hier können weitere Fürbitten angeschlossen werden]

Und gemeinsam beten wir mit den Worten Jesu:

Vaterunser:

Vater unser im Himmel Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Lied: EG 369,1-3.7 (Wer nur den lieben Gott lässt walten)

1) Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut.

2) Was helfen uns die schweren Sorgen, was hilft uns unser Weh und Ach? Was hilft es, dass wir alle Morgen beseufzen unser Ungemach? Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit.

3) Man halte nur ein wenig stille und sei doch in sich selbst vergnügt, wie unser's Gottes Gnadenwille, wie sein Allwissenheit es fügt; Gott, der uns sich hat auserwählt, der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.

7) Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu und trau des Himmels reichem Segen, so wird er bei dir werden neu; denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

Wochenspruch:

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet. (Psalm 66,20)

Bitte um Gottes Segen:

Herr, wir bitten dich: Schenke Du uns für die kommende Woche deinen Frieden, deine Liebe und deinen Segen und so sprechen wir im Vertrauen auf Dich:

Der Herr segne uns und behüte uns,

der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns seinen Frieden.

So segne uns Gott der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen

Orgelnachspiel aus der Markuskirche in Pforzheim

J.S. Bach "Wer nur den lieben Gott lässt walten" - Choralvorspiel aus dem Orgelbüchlein

EG 166,1-3.6 (Tut mir auf die schöne Pforte)

EG 324,1-4.7 (Ich singe dir mit Herz und Mund)

EG 645,1-3 (Wenn die Last der Welt dir zu schaffen macht)

EG 369,1-3.7 (Wer nur den lieben Gott lässt walten)

Kirchenfenster - Kreuzkirche Mühlhausen

Kirchenfenster - Kreuzkirche Mühlhausen

Hörpredigt

Lesepredigt

Liebe Gemeinde, nachdem letzten Sonntag die singende Gemeinde das Sonntagsthema war, ist es an diesem Sonntag nun die betende Gemeinde. Ich weiß nicht, welchen Raum das Gebet in ihrem Leben einnimmt, ob sie regelmäßig beten oder nur gelegentlich, ob sie gerade bestimmte Gebetsanliegen haben oder eher keine Kraft zum Gebet.

Egal, wie es gerade um unser Gebetsleben bestellt ist, das Gebet ist immer ein zentraler Ausdruck unserer Beziehung zu Gott. Durch das Gebet erfahren wir, dass wir ein Gegenüber haben, das uns sieht, uns kennt und uns hört. Im Gebet begegnen wir unserem Grundbedürfniss, dem Bedürfnis wahrgenommen zu werden.

Jedoch begegnen wir im Gebet auch noch jemand ganz anderem als nur Gott. Im Gebet begegnen wir auch uns selbst, unserer inneren Unruhe, unserem Abgelenktsein, unserer Schwachheit und unserer Tendenz, ständig um uns selbst zu kreisen. Vielleicht tun sich nicht zuletzt auch deshalb manche mit dem Gebet so schwer. Sie wollen nicht sich selbst begegnen, weil sie sich selbst nicht ertragen können.

Statt zu beten wählen einige Menschen den Weg in östliche Meditationsformen. Da dreht sich dann entweder alles nur um mich und meine Erleuchtung oder aber ich finde da einen Weg, mich selbst zum Schweigen zu bringen, ja mich und meine Bedürfnisse sogar ganz los zu werden.

Als Christen dürfen wir wissen, dass wir uns vor Gott nicht los werden müssen. Wir dürfen uns Gott so wie wir sind zumuten. Wir dürfen wissen, dass wir mit all dem, was wir sind und was uns ausmacht, vor Gott treten dürfen. Als sein Gegenüber, das ihn erkennt und anbetet, haben wir als Mensch im Gebet unsere göttliche Bestimmung gefunden. Jesus wusste, dass uns das Beten nicht leichtfällt, weil wir eben Menschen sind und nicht Gott. Jesu eigene Art zu beten, muss für seine Jünger sehr anziehend und überzeugend gewesen sein. Schließlich baten sie ihn: Herr, lehre uns beten. Jesus erhörte ihre Bitte und lehrte sie mit dem Vaterunser zu beten. Dies ist auch unser heutiger Predigttext. Ich lese aus dem Matthäus-evangelium Kapitel 6. Dort sagt Jesus im Rahmen seiner Bergpredigt folgendes:

5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten. 7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. 9 Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. 10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 11 Unser tägliches Brot gib uns heute. 12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.] 14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. 15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Liebe Gemeinde, unser Predigttext besteht aus zwei Teilen: Zuerst aus einer Art Gebrauchsanleitung zum Beten und dann aus dem Gebet selbst.

Schauen wir uns zunächst die Gebrauchsanleitung an: Zuerst sagt Jesus einiges Generelles über das Gebet. Gebet ist etwas sehr Persönliches. Gebet ist keine fromme Show, mit der man andere beeindrucken soll. Gebet ist nur für die Augen und Ohren Gottes bestimmt und nicht für die der Öffentlichkeit. Die Heuchler sind mit ihren Gedanken mehr bei denen, die ihnen zuschauen, als bei Gott. Nein, so soll Gebet nicht sein. Jesus schlägt stattdessen vor, sich in sein Kämmerlein, in sein Zimmer zurückzuziehen. Das bedeutet: Unser Körper und mit ihm auch unser Geist brauchen einen Rückzugsort, an dem sie ungestört mit Gott in Verbindung treten können. Überlegt einmal, wo Ihr am liebsten betet. Habt Ihr zuhause oder in der Natur einen bestimmten Lieblingsort zum Beten? Das Kämmerlein steht für einen Ort, der möglichst wenig Ablenkung bietet, der aber auch Geborgenheit und Vertrautheit ausstrahlt. Hier kann ich mich Gott öffnen, hier fühle ich mich sicher.

Sobald die örtlichen Rahmenbedingungen geklärt sind, geht Jesus nun noch auf den Umfang des Betens ein. Es braucht vor Gott nicht viele Worte, keine endlosen Monologe. Wir müssen Gott keine Umstände und Zusammenhänge erklären. Hier können wir etwas wichtiges über das Gebet lernen: Das Gebet dient nicht dazu, Gott über etwas zu informieren. Gott kennt bereits unsere Gedanken, unsere Anliegen und unser Herz. Im Gebet geht es mehr darum, mit Gott eine Einheit zu bilden und mit ihm gemeinsam auf eine Sache zu schauen. Das Gebet ist der heilige Ort unserer Gottesbegegnung. Gottes Liebe, seine Weisheit, seine Barmherzigkeit und sein Ratschluss bilden einen Raum, den ich im Gebet betreten darf und in diesem Raum kann ich dann vor Gott bringen, was mir auf dem Herzen liegt. Das gilt für die Fürbitte und die Bitte genauso, wie für die Klage, den Dank und den Lobpreis.

Kommen wir nun zum zweiten Teil unseres Predigttextes, dem Inhalt des Gebets. Jesus lehrt seine Jünger das Vaterunser. Er hat ihnen keinen Vortrag gehalten oder irgendwelche Themen genannt, für die man beten könnte. Nein, er hat ein konkretes Gebet formuliert. Das Vaterunser ist das Gebet schlechthin, es bildet das Grundmuster für jedes weitere Gebet. In ihm wird das Verhältnis und die Beziehung zwischen Gott dem Schöpfer und uns, seinen Geschöpfen geklärt. Gehen wir das Vaterunser unter diesem Aspekt einmal der Reihe nach durch:

Vater unser im Himmel – Das bedeutet: Gott steht in einem bestimmten Verhältnis und in einer bestimmten Nähe zu uns. Er ist unser Vater. Gott zeichnet sich durch all die Eigenschaften aus, durch die sich ein guter Vater auszeichnet: Er ist für uns da, gibt uns Geborgenheit, steht uns mit Rat und Tat zur Seite und verteidigt uns. Gott tut dies alles von einem bestimmten Ort aus: dem Himmel. Wo wir Gott begegnen, ist der Himmel bereits mitten unter uns. Als Jesus auf die Erde kam, kam mit ihm auch der Himmel auf die Erde. Der Himmel ist kein ferner Ort, sondern der Herrschaftsbereich Gottes, auch hier mitten unter uns.

Geheiligt werde dein Name – Gottes Name, das ist er selbst, das ist, wie er sich in Raum und Zeit als der heilige Gott offenbart. Gott ist heilig und so soll auch er allein mir heilig sein. In allem was wir tun, soll es um seine Ehre gehen und nicht um meine. Indem ich seinen Namen heilige, bekenne ich, dass Gott alleine Gott ist und dass alles, was er sagt und tut, wahr und gut ist.

Dein Reich komme – Das bedeutet, dass unsere von Gott getrennte Welt, so wie wir sie erleben, im Vergehen ist. Es ist die Bitte, dass Krieg durch Frieden ersetzt wird, Ungerechtigkeit durch Gerechtigkeit, Hass durch Liebe, Lüge durch Wahrheit. Es ist die Bitte darum, dass das für alle Welt sichtbar wird, was wir im Moment nur durch unseren Glauben und unsere Hoffnung sehen können.

Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden – Hier bekennen wir, dass Gott ein Gott über die ganze Welt ist, die sichtbare wie die unsichtbare, dass er die Kraft und die Macht hat, auch hier auf Erden seinen Willen zum Ziel zu bringen. Es bedeutet aber auch, dass ich mit meinem eigenen Willen zurücktrete und es nicht in erster Linie darum geht, was ich will, sondern was Gott will. Allein Gottes Wille ist ewig, wahrhaftig, gut und gerecht.

Bis hier geht es im Vaterunser ganz um Gott, um seine Herrlichkeit, sein Reich, seinen Willen. Alles was wir bisher im Vaterunser gebetet und bekannt haben, ist die Voraussetzung dafür, dass wir nun auch mit uns und unseren Anliegen vor ihn treten können und dürfen.

Unser tägliches Brot gib uns heute – Mit dem Wissen um meine Beziehung zu unserem himmlischen Vater, der Wirklichkeit seines Reiches und seines wirkmächtigen Willens kann ich mit all meinen Sorgen und Anliegen zu Gott kommen. Er weiß, was ich wirklich zum Leben brauche und darum darf ich ihn nun auch bitten. Dabei darf ich lernen, ganz im Hier und Jetzt zu sein. Nur das Heute zählt. Das macht mich frei von allen Sorgen um das Morgen.

Und vergib uns unsere Schuld – Neben den alltäglichen Sorgen gibt es aber auch noch die Last der Schuld. Mein Leben ist voller Schuld, weil ich aus einem Reich komme, das gegen die Herrschaft Gottes rebelliert und seine Macht und Herrlichkeit nicht anerkennt. Es ist das Reich der Schuld, der Sünde und der Trennung von Gott, ein finsteres Reich, aus dem ich durch den Glauben nun fliehen möchte.

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern – Mit dieser Bitte tun sich manche Menschen schwer, weil sie nicht vergeben und vergessen können, weil das erlittene Leid zu schwer war. Doch ausgerechnet diesen Punkt vertieft Jesus am Ende noch einmal: Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Jesus betont diesen Punkt so sehr, weil die Vergebung die Grundlage von allem ist, auch von unserer Erlösung durch seinen Tod am Kreuz. Vergebung ist der Schlüssel zu unserer inneren Befreiung, auch von der Macht unserer Peiniger. Vielleicht liegt hier eine besonders große Versuchung, das Gericht und Urteil selbst in die Hand nehmen zu wollen, statt es Gott zu überlassen.

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen - Gott weiß ja um das Böse in der Welt, wo wir entweder selbst Handlanger des Bösen waren oder aber Opfer des Bösen. In beiden Fällen brauchen wir Befreiung und Heilung.

Jesus selbst und sein Werk ziehen sich wie ein roter Faden durch das Vaterunser, auch wenn er sich selbst nicht namentlich nennt. Jesus hat uns den Weg zum Vater gezeigt, mit ihm bricht das Reich Gottes sichtbar an. Er hat uns unsere Schuld am Kreuz vergeben und er gibt uns die Kraft zur Vergebung und zur Versöhnung, weil auch er seinen Peinigern vergeben hat. Er macht uns frei von der Macht der Bösen.

Das Vaterunser ist die Mutter aller Gebete, weil es uns Gott und sein Handeln vor Augen führt und dabei trotzdem auch uns in unserer Beschränktheit Raum lässt. Im Vaterunser begegnet unsere Ohnmacht der Macht Gottes. Deswegen ist das Vaterunser auch das Gebet für alle, die keine Kraft zum Beten haben, die sich ohnmächtig fühlen, die nicht wissen, was und wie sie beten sollen. Hier geht es nicht um mich, sondern darum, wer und wie Gott ist und um das, was Gott für mich getan hat und noch immer tut - durch und mit Jesus. Amen