Videogruß zum Hausgottesdienst am 26. Juli 2020

Orgelvorspeil aus der Altstadtkirche in Pforzheim

Johann Sebastian Bach - "Liebster Jesu, wir sind hier"

Ablauf (Liturgie) des Hausgottesdienstes

Votum:

Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Lied: EG 165,1.5-6 (Gott ist gegenwärtig)

1) Gott ist gegenwärtig. Lasset uns anbeten und in Ehrfurcht vor ihn treten. Gott ist in der Mitte. Alles in uns schweige und sich innigst vor ihm beuge. Wer ihn kennt, wer ihn nennt, schlag die Augen nieder; kommt, ergebt euch wieder.

5) Luft, die alles füllet, drin wir immer schweben, aller Dinge Grund und Leben, Meer ohn Grund und Ende, Wunder aller Wunder: ich senk mich in dich hinunter. Ich in dir, du in mir, lass mich ganz verschwinden, dich nur sehn und finden.

6) Du durchdringest alles; lass dein schönstes Lichte, Herr, berühren mein Gesichte. Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten, lass mich so still und froh deine Strahlen fassen und dich wirken lassen.

Psalm: Psalm 107.I (EG 758.1)

Danket dem HERRN; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.

So sollen sagen, die erlöst sind durch den HERRN, die er aus der Not erlöst hat,

die er aus den Ländern zusammengebracht hat von Osten und Westen, von Norden und Süden.

Die irregingen in der Wüste, auf ungebahntem Wege, und fanden keine Stadt, in der sie wohnen konnten,

die hungrig und durstig waren und deren Seele verschmachtete,

die dann zum HERRN riefen in ihrer Not und er errettete sie aus ihren Ängsten

und führte sie den richtigen Weg, dass sie kamen zur Stadt, in der sie wohnen konnten:

Die sollen dem HERRN danken für seine Güte / und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut,

dass er sättigt die durstige Seele und die Hungrigen füllt mit Gutem.

(Psalm 107,1-9)

Gebet:

Herr, unser Gott, du bist ein freundlicher und gütiger Gott. Wir danken dir, dass wir uns darauf verlassen dürfen. Wir danken dir, dass du nicht launisch und unbeständig in deinem Wesen bist, so wie wir es oft sind. Danke, dass wir diesen Gottesdienst jetzt mir feiern dürfen. Danke, dass du dir für jeden von uns Zeit nimmst, uns zuhörst und zu uns sprechen willst. Erhöre uns, wenn wir jetzt in der Stille vor dich treten: …

Zuspruch:

Christus spricht: Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir. (Offenbarung 3,20)

Lesung: Johannes 6,1-15

1 Danach ging Jesus weg ans andre Ufer des Galiläischen Meeres, das auch See von Tiberias heißt. 2 Und es zog ihm viel Volk nach, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat. 3 Jesus aber ging hinauf auf einen Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern. 4 Es war aber kurz vor dem Passa, dem Fest der Juden. 5 Da hob Jesus seine Augen auf und sieht, dass viel Volk zu ihm kommt, und spricht zu Philippus: Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben? 6 Das sagte er aber, um ihn zu prüfen; denn er wusste wohl, was er tun wollte. 7 Philippus antwortete ihm: Für zweihundert Silbergroschen Brot ist nicht genug für sie, dass jeder auch nur ein wenig bekomme. 8 Spricht zu ihm einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus: 9 Es ist ein Knabe hier, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische. Aber was ist das für so viele? 10 Jesus aber sprach: Lasst die Leute sich lagern. Es war aber viel Gras an dem Ort. Da lagerten sich etwa fünftausend Männer. 11 Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie denen, die sich gelagert hatten; desgleichen auch von den Fischen, so viel sie wollten. 12 Als sie aber satt waren, spricht er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrigen Brocken, damit nichts umkommt. 13 Da sammelten sie und füllten zwölf Körbe mit Brocken von den fünf Gerstenbroten, die denen übrig blieben, die gespeist worden waren. 14 Als nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll. 15 Da Jesus nun merkte, dass sie kommen würden und ihn ergreifen, um ihn zum König zu machen, entwich er wieder auf den Berg, er allein.

Glaubensbekenntnis:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

Lied: EG 320,1-2.5-6 (Nun laßt uns Gott dem Herren Dank sagen)

1) Nun lasst uns Gott / dem Herren Dank sagen und ihn ehren für alle seine Gaben, / die wir empfangen haben.

2) Den Leib, die Seel, das Leben / hat er allein uns geben; dieselben zu bewahren, / tut er nie etwas sparen.

5) Sein Wort, sein Tauf, sein Nachtmahl, / dient wider allen Unfall; der Heilig Geist im Glauben / lehrt uns darauf vertrauen.

6) Durch ihn ist uns vergeben / die Sünd, geschenkt das Leben. Im Himmel solln wir haben, / o Gott, wie große Gaben!

Predigt zu Hebräer 13,1-3:

Lied: EG 598,1-2.4-6 (Herr, du hast gern mit vielen Menschen…)

1) Herr, du hast dich gern mit vielen / Menschen an den Tisch gesetzt. / Wir bedenken und wir fühlen / deine Gegenwart auch jetzt. / Unsichtbar lädst du uns ein, Gast an deinem Tisch zu sein.

2) Jeder unter uns darf kommen, / dass er Teil an dir gewinnt. / Alle sind wir angenommen, / wie wir hier versammelt sind: / froh und traurig, stark und schwach, / matt im Glauben oder wach.

4) Jesus Christus, lass das Wunder / und Geheimnis uns geschehn, / dass wir in und mit und unter / Brot und Wein dich selber sehn, / wie du Schuld und Zweifel heilst, / Tod und Leben mit uns teilst.

5) Bleib der Trost in Angst und Grauen / und im Wanken der Verlaß, / in Verzweiflung das Vertrauen, / die Vergebung noch im Haß. / Du verwandelst grenzenlos / Nein in Ja und Klein in Groß.

6) Schenk uns frei und unbenommen / Tischgemeinschaft alle Zeit. / Wir verkündigen dein Kommen / heute und in Ewigkeit. / Wenn das letzte Dunkel fällt, / komm, Herr Jesu, Licht der Welt.

Fürbittengebet:

Guter Gott, wir danken dir für unsere Gemeinde vor Ort. Zugleich bitten wir dich: Hilf uns dabei in geschwisterlicher Liebe verbunden zu bleiben. Schenke uns deinen Blick und deine Liebe für unseren Nächsten, hier und anderswo.

Herr, wir bitten dich: Lass uns als Gemeinde gastfreundlich bleiben. Hilf uns dabei jeden Menschen ohne Ansehen seiner Person willkommen zu heißen und mit offenen Armen zu begrüßen. Schenke, dass Menschen bei uns das finden, wonach sie sich in ihrem Herzen sehnen.

Allmächtiger Gott, wir bitten dich für die Gefangenen und Misshandelten. Du siehst ihre Not, ihre Unfreiheit und die tiefen Wunden in ihrer Seele. Du siehst, wo Schuld ist und Menschen sich aneinander versündigt haben. Hilf den Schuldigen sich ihre Schuld einzugestehen und lass sie erkennen, was sie andern damit angetan haben. Herr, du hast keinen Gefallen am Tod der Sünder, sondern du willst, dass sie dich erkennen und zu dir umkehren. Hilf ihnen dabei und schenke ihnen ein reumütiges Herz.

Herr, heile diejenigen, die körperlich und oder seelisch missbraucht und misshandelt wurden. Schenke ihnen einen Ort, an dem sie ihre Verletzungen ablegen und innerlich frei werden können.

Und gemeinsam beten wir mit den Worten Jesu:

Vaterunser:

Vater unser im Himmel Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Lied: EG 665,1-3 (Wir haben Gottes Spuren festgestellt)

1. Wir haben Gottes Spuren festgestellt auf unsern Menschenstraßen, Liebe und Wärme in der kalten Welt, Hoffnung, die wir fast vergaßen.

Refrain: Zeichen und Wunder sahen wir geschehn in längst vergangnen Tagen, Gott wird auch unsre Wege gehn, uns durch das Leben tragen.

2. Blühnende Bäume haben wir gesehn, wo niemand sie vermutet, Sklaven, die durch das Wasser gehn, das die Herren überflutet.

Refrain

3. Bettler und Lahme sahen wir beim Tanz, hörten wie Stumme sprachen, durch tote Fensterhöhlen kam ein Glanz, Strahlen die die Nacht durchbrachen.

Refrain

Wochenspruch:

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. (Epheser 2,19)

Bitte um Gottes Segen:

Herr, wir bitten dich: Schenke Du uns für die kommende Woche deinen Frieden, deine Liebe und deinen Segen und so sprechen wir im Vertrauen auf Dich:

Der Herr segne uns und behüte uns, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns seinen Frieden. So segne uns Gott der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen

Orgelnachspiel aus der Altstadtkirche in Pforzheim

Johann Sebastian Bach - Präludium F-dur kombiniert mit EG 165 (Versteckt - entdeckt - Bach und seine "blinden Passagiere" von Johannes Pöld)

Gemeindefest im Schlosshof, 28.07.2018

EG 165,1.5-6 (Gott ist gegenwärtig)

EG 320,1-2.5-6 (Nun laßt uns Gott dem Herren Dank sagen)

EG 598,1-2.4-6 (Herr, du hast dich gern mit vielen Menschen an den Tisch gesetzt)

EG 665,1-3 (Wir haben Gottes Spuren festgestellt)

Hörpredigt

Lesepredigt

Liebe Gemeinde, so wie letzten Sonntag die Taufe das Thema des Gottesdienstes war, so ist es heute das Abendmahl. Alle an einem Tisch – so lautet das Motto. Doch gerade die Tischgemeinschaft ist es, die es in diesen Coronazeiten besonders schwer hat. Seit über fünf Monaten konnten wir uns nun nicht mehr am Tisch des Herrn zum Abendmahl versammeln. Da wird es Zeit, dass wir das Abendmahl wenigstens in diesem Hausgottesdienst wieder einmal zum Thema machen. Der Predigttext, der uns dabei helfen soll, steht im Hebräerbrief, Kapitel 13, Vers eins bis drei:

1 Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. 2 Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. 3 Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.

Am Ende des Hebräerbriefes spricht der Verfasser drei Themen an, die die Empfänger beherzigen sollen: Die Bruderliebe, die Gastfreundschaft und die Erinnerung an die Gefangenen. Lasst uns überlegen, wo uns diese drei Aspekten berühren und wo und wie wir ihnen dabei Raum geben können.

Beginnen wir mit der Bruderliebe. Genauer gesagt sollten wir hier von Geschwisterliebe sprechen, denn es geht bei der Bruderliebe natürlich um die Beziehung zu den geistlichen Brüdern und Schwestern in der Gemeinde. Bleibt fest in der brüderlichen Liebe – diese Worte setzen voraus, dass diese Liebe bereits existiert. Sie ist kein Ziel, das es zu erreichen gilt, kein guter Vorsatz. Sie ist bereits da und soll der Raum bleiben, in dem wir uns bewegen. Jetzt wird der eine oder andere im Geiste vielleicht die Gesichter derjenigen unserer Gemeinde durchgehen, die er kennt und sich fragen, wie es um seine oder ihre Liebe zu diesen Brüdern und Schwestern bestellt ist. Da wird es einige geben, zu denen einem liebevolle Gedanken in den Sinn kommen und andere, bei denen einem vielleicht eher zwiespältige Gedanken kommen. Da ist vielleicht noch ein alter Streit in Erinnerung, eine Enttäuschung oder tiefe Verletzung, Altlasten, die nie aus der Welt geschafft werden konnten. Und all das soll man nun unter den Tisch fallen lassen und mit dem Mantel der Liebe zudecken? Ist das nicht scheinheilig? Scheinheilig wäre es, wenn uns diese Liebe nur aufgezwungen werden würde. Doch das ist sie nicht, ganz im Gegenteil. Wir müssen uns nicht zu dieser Liebe durchringen und sie zwanghaft zu erreichen versuchen. Wir müssen das nicht, weil die Geschwisterliebe ihre Ursache nicht in uns selbst, sondern in Jesus hat. Jesus liebt jeden von uns und das, was er getan hat, hat er für jeden von uns getan. Wo wir das für uns erkennen und annehmen, müssen wir dies auch den anderen um uns herum zugestehen. Es ist Jesu Liebe, die uns dabei miteinander verbindet und nicht unsere Liebe. Es ist Jesu Liebe, die uns gnädig, geduldig und versöhnungsbreit miteinander macht.

Deswegen können wir auch das Abendmahl nicht miteinander feiern, wenn unser Streit oder die Verletzungen in uns größer sind, als das, was Jesus uns mit der Mahlgemeinschaft an seinem Tisch schenken will. Wo wir nicht im Geist der Liebe und Vergebungsbereitschaft das Abendmahl miteinander feiern können, geht es uns wie dem älteren Bruder im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Der wollte sich auch nicht mitfreuen und mitfeiern, als sein jüngerer Bruder wieder seinen Weg zurück zum Vater gefunden hat. Er konnte nicht in der geschwisterlichen Liebe bleiben, weil er sie entweder nie gehabt oder sie aus Eifersucht, gepaart mit Überheblichkeit, verlassen hat. Und so hat der ältere Bruder nicht nur dem Jüngeren den Rücken zugekehrt, sondern auch dem Vater, dem er die Liebe, die Freude und die Vergebung für seinen Bruder nicht zugestehen wollte. Lasst uns nicht denselben Fehler begehen. Lasst uns deshalb in der geschwisterlichen Liebe bleiben.

Kommen wir nun zum Zweiten: Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Als Evangelische Pfarrgemeinde Mühlhausen sind wir gerne Gastgeber. Wir freuen uns, wenn wir gemeinsam etwas zu feiern haben. Es gibt nicht viele Gemeinden, die wie wir sogar dafür einen eigenen Festausschuss haben. Deswegen ist es in diesem Jahr besonders schmerzlich, dass wir aufgrund der Coronasituation unser Gemeindefest nicht wie gewohnt am kommenden Wochenende als Einstieg in die Sommerferien miteinander feiern können. Nein, wir haben nicht vergessen gastfrei zu sein, wir können es im Moment nur eben nicht so, wie wir uns das wünschen würden. Auch in den Gruppen und Kreisen müssen wir erst einen Weg finden, wie wir wieder gastfreier werden können. Aber mit den Räumen des Wasserschlosses und vor allem unserem schönen Schlosshof haben wir gute Orte, wo wir uns auch unter den momentanen Gegebenheiten darin üben können.

Doch der Verfasser des Hebräerbriefes, dachte vermutlich weniger an Gemeindehäuser und Kirchenräume, als er zur Gastfreundschaft aufrief. Ihm schwebte vermutlich mehr das häusliche Umfeld vor Augen, den dort fand zu seinen Zeiten vor allem das Gemeindeleben statt, in den Häusern der Gemeindeglieder. Und die sollen wir eben auch nicht vergessen. Wir dürfen uns daran erinnern, einander einzuladen und so die anderen an unserem Leben teilhaben zu lassen. Bei uns Zuhause müssen wir uns auch daran erinnern, dass wir Teil der Gemeinde sind und das wir als solcher andere ebenfalls zu uns einladen können. Gemeinde findet auch Zuhause statt. Das setzt aber voraus, dass wir unser Christsein Zuhause auch leben, dass wir uns zum Beispiel auch in Gegenwart unserer Besucher trauen, ein Tischgebet zu sprechen oder eben auch aus unserem christlichen Glauben heraus mit unseren Gästen dort über Gott und die Welt zu reden.

Wie bei der Bruderliebe gilt auch hier: Wir müssen nicht erst gastfrei werden, sondern wir sind es bereits in Jesus, der selbst der Gastgeber ist und uns, wie auch unseren nächsten an seinen Tisch einlädt. Das sollen wir nicht vergessen.

Bleibt nun noch das Dritte: Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt. Hierzu fallen mir zwei Dinge ein: Einmal die Erinnerung daran, dass es tatsächlich weltweit viele Menschen gibt, die um ihres Glaubens willen verfolgt und eingesperrt werden. Wir sollen nicht nur an die denken die wir namentlich kennen, sondern auch an all die, die wir zwar nicht persönlich kennen, die aber trotzdem unsere Brüder und Schwestern in Jesus sind und mit denen zusammen wir einst bei Gott unserem Vater die Ewigkeit verbringen werden. Hier bin ich dankbar für die Arbeit von Open Doors, einem christlichen Hilfswerk, das sich weltweit für verfolgte Christen einsetzt und das durch seine Monatszeitschrift das Schicksal einzelner dieser Christen vor Augen führt. An all diese Brüder und Schwestern wollen wir regelmäßig denken, indem wir sie in unsere Gebete und die Fürbitte im Gottesdienst einschließen.

Doch ich denke bei diesem letzten Punkt auch noch an etwas anderes. Auch bei uns gibt es Gefangene und Misshandelte, Menschen, die hinter gutbürgerlichen Gefängnistüren mit gepflegten Vorgärten eingesperrt sind. Wir wissen nicht, wie viele Kinder im Einzugsgebiet unserer Gemeinde missbraucht und misshandelt werden, wie viele Ehefrauen geschlagen, misshandelt und gedemütigt werden, wie viele Männer und Frauen in ihrer Sucht gefangen sind. Doch wir müssen uns eingestehen, dass sie da sind und dass wir unsere Augen nicht vor ihrem Leid verschließen dürfen. Wir müssen uns ganz selbstkritisch fragen, ob wir diese Menschen sehen könnten, wenn wir wollten, oder ob sie wirklich für uns nicht erkennbar sind. Hier haben wir eine große Verantwortung und brauchen viel Weisheit, um dann das Richtige zu tun, wenn es erforderlich ist. Solltet ihr diesbezüglich einen Verdacht haben, könnt ihr jederzeit gerne mit mir Kontakt aufnehmen. Gemeinsam können wir dann überlegen, was zu tun ist und wer uns dabei helfen kann.

Hat dieser letzte Punkt noch etwas mit dem Abendmahl zu tun? Ich denke ja. Die Gefangenen und Misshandelten sind ebenfalls an Jesu Tisch eingeladen, doch sie können dieser Einladung nicht folgen, weil sie Gebunden sind. In der Gefangenschaft haben sie nicht die Brüder und Schwestern um sich, die sie ermutigen und stärken könnten, wie dies beim Abendmahl geschieht. Und bei den Misshandelten ist die Scham und die innere Verletzung meist so groß, dass sie nicht am normalen Gemeindeleben teilnehmen können oder wollen. Diese Menschen brauchen eine liebevolle Erinnerung daran, dass sie nicht vergessen sind und dass wir ihren Platz solange frei halten, bis sie wieder die Kraft und den Mut haben, diesen einzunehmen.

Und so bleibt es am Ende dabei, wie uns der Predigttext ermahnt: Wir sind alle an einem Tisch eingeladen, in geschwisterlicher Liebe, unter der Gastfreundschaft des Herren – sowohl die leiblich Anwesenden, wie auch die leiblich gefangen und misshandelt Abwesenden. Wir alle sind an einem Tisch eingeladen, weil wir alle hier auf Erden den einen Leib Jesus Christi bilden. Amen