Videogruß für Sonntag, 28. Juni 2020

Orgelvorspiel aus der Friedenskirche in Tiefenbronn

Christian Heinrich Rinck (1770-1846) - Präludium in G

Ablauf (Liturgie) des Hausgottesdienstes

Votum:

Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Lied: NL 152,1-3 (Herr, wohin sonst sollten wir gehen)

Herr, wohin sonst sollten wir gehen? Wo auf der Welt fänden wir Glück? Niemand, kein Mensch, kann und soviel geben wie du, du führst uns zum Leben zurück, nur du, nur du schenkst uns Lebensglück

Aus deinem Mund höre ich das schönste Liebeslied, an deinem Ohr darf ich sagen, was die Seele fühlt, an deiner Hand kann ich fallen, und du hälst mich fest, an deinem Tisch wird mein Hunger gestillt.

Herr, wohin sonst sollten wir gehen, wo auf der Welt fänden wir Glück? Niemand, kein Mensch, kann uns so viel geben wie du, du führst uns zum Leben zurück, nur du, nur du schenkst uns Lebensglück.

Psalm: Psalm 103 (EG 755.1)

Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen!

Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:

der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen,

der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,

der deinen Mund fröhlich macht und du wieder jung wirst wie ein Adler.

Der HERR schafft Gerechtigkeit und Recht allen, die Unrecht leiden.

Er hat seine Wege Mose wissen lassen, die Kinder Israel sein Tun.

Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.

Er wird nicht für immer hadern noch ewig zornig bleiben.

Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat.

Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten.

So fern der Morgen ist vom Abend, lässt er unsre Übertretungen von uns sein.

Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.

Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, dass wir Staub sind.

Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde;

wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.

Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten,

und seine Gerechtigkeit auf Kindeskind bei denen, die seinen Bund halten und gedenken an seine Gebote, dass sie danach tun.

(Psalm 103,1-18)

Gebet:

Herr, du bist unser guter Hirte. Auch in diesem Gottesdienst begibst du dich auf die Suche nach uns, hältst Ausschau, wo du uns finden kannst.

Doch zum Suchen gehört auch die Bereitschaft, sich finden zu lassen. Bewahre uns davor vor dir wegzulaufen. Hilf uns dabei, auch nach dir zu suchen und deiner Stimme zu vertrauen. Schenke uns Freude und Begeisterung, wo wir mit dir zusammentreffen.

Herr, mit dir zusammen wollen wir unseren Weg fortsetzen, heute, in der kommenden Woche und in unserem ganzen Leben. Schenke uns dazu deinen Segen.

[Hier können wir Gott weitere Dinge sagen, die wir ihm gerne noch zu Beginn dieses Gottesdienstes sagen möchten.]

Zuspruch:

Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

(Jesaja 42,3)

Lesung: Lukas 15,1-3.11b-32

1 Es nahten sich ihm aber alle Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. 2 Und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. 3 Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: 11 Ein Mensch hatte zwei Söhne. 12 Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie. 13 Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen. 14 Als er aber alles verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er fing an zu darben 15 und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. 16 Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm. 17 Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! 18 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. 19 Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich einem deiner Tagelöhner gleich! 20 Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn, und er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. 21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. 22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße 23 und bringt das gemästete Kalb und schlachtet's; lasst uns essen und fröhlich sein! 24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein. 25 Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen 26 und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre. 27 Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat. 28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn. 29 Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich wäre. 30 Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet. 31 Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein. 32 Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.

Glaubensbekenntnis:

Verbunden mit der ganzen Christenheit auf Erden bekennen und bezeugen wir unseren Glauben:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

Lied: EG 628,1-3 (Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt)

1) Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt, damit ich lebe. Ich lobe meinen Gott, der mir die Fesseln löst, damit ich frei bin.

Refrain:

Ehre sei Gott auf der Erde in allen Straßen und Häusern, die Menschen werden singen bis das Lied zum Himmel steigt: Ehre sei Gott und den Menschen Frieden, Ehre sei Gott und den Menschen Frieden, Frieden auf Erden!

2) Ich lobe meinen Gott, der mir den neuen Weg weist, damit ich handle. Ich lobe meinen Gott, der mir mein Schweigen bricht, damit ich rede.

Refrain: Ehre sei Gott…

3) Ich lobe meinen Gott, der meine Tränen trocknet, daß ich lache. Ich lobe meinen Gott, der meine Angst vertreibt, damit ich lebe.

Refrain: Ehre sei Gott…

Predigt:

Lied: NL 151 (Herr, deine Gnade, sie fällt auf mein Leben)

Herr, deine Gnade, sie fällt auf mein Leben, so wie der Regen im Frühling fällt. Herr, deine Gnade, sie fließt und durchdringt mich ganz.

Hey oh, du schenkst mir Gnade Hey oh, und Barmherzigkeit Hey oh, ich will tanzen, Herr, vor dir

Fürbittengebet:

Herr Jesus Christus, du bist der Herr unserer Gemeinde und deiner weltweiten Kirche. Du siehst, wie es um unsere Gemeinden landauf und landab bestellt ist. Wir bitten dich:

Ermutige du uns Christen. Schenke uns in unseren Gemeinden eine Heimat, in der wir uns wohl fühlen können. Hilf uns unseren Auftrag vor Ort zu erkennen und danach zu handeln. Herr, wir bitten dich für die, die deine Kirche verlassen. Geh ihnen nach. Lass sie erfahren, dass Du sie liebst und sie bei dir haben willst.

Herr, du siehst auch, was am vergangenen Wochenende in Stuttgart passiert ist. Viele Menschen sind verunsichert und entsetzt, wie sich auf einmal soviel Wut und Gewalt entladen konnte.

Wir bitten dich, geh du den Jugendlichen und den Einsatzkräften nach. Zeige Ihnen Wege, wie sie mit diesen Erfahrungen umgehen können. Hilf Ihnen dabei die richtigen Konsequenzen zu ziehen, damit sich Hass und Gewalt nicht in den Köpfen festsetzen können.

[Hier können wir in der Stille die Dinge vor Gott bringen, die uns als Anliegen spontan in den Sinn kommen.]

Und gemeinsam beten wir mit den Worten Jesu:

Vaterunser:

Vater unser im Himmel Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Lied: EG 580,1-3 (Segne und behüte uns)

1) Segne und behüte uns durch Deine Güte, Herr, erheb Dein Angesicht über uns und gib uns Licht.

2) Schenk uns Deinen Frieden alle Tag hienieden, gib uns Deinen guten Geist, der uns stets zu Christus weist.

3) Amen, Amen, Amen! Ehre sei dem Namen Jesu Christi, unsers Herrn, denn Er segnet uns so gern.

Wochenspruch:

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. (Lukas 19,10)

Bitte um Gottes Segen:

Herr, wir bitten dich: Schenke Du uns für die kommende Woche deinen Frieden, deine Liebe und deinen Segen und so sprechen wir im Vertrauen auf Dich:

Der Herr segne uns und behüte uns, der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf uns und gebe uns seinen Frieden.

So segne uns Gott der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen

Orgelnachpiel aus der Friedenskirche in Tiefenbronn

Christian Heinrich Rinck (1770-1846) - Präludium in F

NL 152 - Herr, wohin sonst sollten wir gehen

EG 628,1-3 - Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt

NL 151 - Herr, deine Gnade sie fällt auf mein Leben

EG 580,1-3 - Segne und behüte uns

Hörpredigt

Lesepredigt

Liebe Gemeinde, der heutige Predigttext aus dem Propheten Micha führt uns in das 7. Jahrhundert vor Christus. Es ist keine rosige Zeit für das Volk Israel. Vieles liegt im Argen. Die Menschen machen was, sie wollen und gehen ihre eigenen statt Gottes Wege. Ungerechtigkeit, Korruption und viele andere Missstände sind an der Tagesordnung. Doch bei all den düsteren Gedanken des Propheten und den Konsequenzen, die er dem Volk verkündet, scheint doch immer noch ein Licht der Hoffnung durch die Finsternis der Zeit. Unser Predigttext bildet das Ende dieses Buches. Ich lese aus Kapitel 7:

18 Herr, wo sonst gibt es einen Gott wie dich? Allen, die von deinem Volk übrig geblieben sind, vergibst du ihre Schuld und gehst über ihre Verfehlungen hinweg. Du hältst nicht für immer an deinem Zorn fest; denn Güte und Liebe zu erweisen macht dir Freude. 19 Du wirst mit uns Erbarmen haben und alle unsere Schuld wegschaffen; du wirst sie in das Meer werfen, dort, wo es am tiefsten ist. 20 Den Nachkommen Abrahams und Jakobs wirst du mit Liebe und Treue begegnen, wie du es einst unseren Vorfahren mit einem Eid zugesagt hast.

Liebe Gemeinde, über Gott kann man nur staunen, über seine Güte und Liebe, über sein Erbarmen und seine Vergebungsbereitschaft.

Liest man die Kapitel des Propheten Micha, hört man vieles, was einem bekannt vorkommt. 2.700 Jahr später scheint sich nicht viel geändert zu haben. Die Menschen scheinen ihrem uneinsichtigen und gottlosen Wesen weitgehend treu geblieben zu sein. Die Kritik Michas am Weg des Volkes Israel kann man in vielen Punkten eins zu eins auf die Kirche übertragen.

Heute können wir Gott also dafür rühmen und preisen, dass er es noch weitere 2.700 Jahre mit uns Menschen ausgehalten hat. Wir können staunen, dass seine Güte, seine Liebe, sein Erbarmen und seine Vergebung auch noch für unsere Zeit und Generation ausreichen.

Bei Micha haben die Hoffnung und Gewissheit auf einen guten Ausgang das letzte Wort. Nicht die Menschen werden den Lauf der Welt zu einem Happy End führen, sondern Gott wird dies tun.

Ein Gott, der sein Volk Israel, seine Kirche und seine Menschheit mit so viel Geduld und Nachsicht begleitet, muss sich seiner Sache sehr sicher sein. Es muss ein Gott sein, der ganz in sich selbst ruht und für den der Lauf der Zeit und der Dinge keinen offenen und ungewissen Ausgang hat.

Solch eine göttliche Ruhe und Gewissheit wünsche ich mir ebenso, gerade auch mit Blick auf die Kirche.

In der Kirche sind wir an schlechte Nachrichten gewohnt. Gerade habe ich wieder gelesen, dass die Zahl der Kirchenaustritte im Jahr 2019 ein Rekordhoch erreicht hat. Über eine halbe Millionen Menschen haben im vergangenen Jahr die Evangelische und Katholische Kirche verlassen. Fehlende Kirchensteuereinnahmen aufgrund von Mitgliederschwund und sinkender Steuereinnahmen durch die Coronakrise machen es nicht leichter. Der Relevanzverlust des christlichen Glaubens oder auch die nicht enden wollenden Offenbarungen zu Missbrauchsfällen in der Kirche bereiten mir einen Stich ins Herz. Die gute Nachricht des Evangeliums scheint gerade irgendwie nicht ganz zur düsteren Alltagsrealität der noch großen Kirchen zu passen. Das Evangelium wohl geradezu etwas weltfremd geworden.

Ist das Problem der großen Kirchen hausgemacht? Hat die Kirche einfach keinen guten Job gemacht, weil ihre Mitglieder sie scharenweise verlassen? Für so manche frommen Menschen scheint dies klar auf der Hand zu liegen. Die Kirche ist zu liberal, zu beliebig, zu verkrustet, zu sehr mit sich selbst beschäftigt und vieles mehr, was man dabei so hört. Spricht man von „der Kirche“, dann hat man dabei meistens das Bild von ihren offiziellen Vertretern vor Augen, von den Pfarrerinnen und Pfarrern, den kirchenleitenden Organen und dem, was eine Institution halt so kennzeichnet. Kaum einer wird bei „der Kirche“ an die vielen Gläubigen denken, die sonntags die Gottesdienste besuchen, an Menschen, die für ihre Gemeinde und Geschwister beten oder die durch ihr aktives Engagement vor Ort dafür sorgen, dass der Laden irgendwie am Laufen bleibt. Haben wir uns bewusst gemacht, dass es um den einzelnen Menschen geht – um dich und mich – dann müssen wir uns auch das Folgende bewusst machen.

Ehrenamtliche wie hauptamtliche Mitarbeiter in der Kirche, aktive wie passive Mitglieder der Kirche teilen sich vor allem eine Eigenschaft: Sie sind alles fehlbare und unvollkommene Menschen. Als solche Menschen machen wir Fehler, werden aneinander schuldig und bleiben auch Gott und den Anderen immer etwas schuldig.

Aus all diesen Gründen ist der Predigttext gerade auch für uns als Kirche und Gemeinde vor Ort, als letzter Rest einer einst noch großen Volkskirche, ein großer Trost und eine starke Ermutigung: Bei all unserer Unvollkommenheit, all unserem Versagen auf die Bedürfnisse und Nöte der Zeit eine passende Antwort zu finden, mit all unserer Schuld haben wir dennoch etwas, auf das wir uns verlassen können: Einen barmherzigen Gott, über den wir nur staunen können.

Jetzt können wir den Predigttext auch noch einmal aus unserer gemeindlichen Perspektive hören: 18 Herr, wo sonst gibt es einen Gott wie dich? Allen, die von deiner Kirche übriggeblieben sind, vergibst du ihre Schuld und gehst über ihre Verfehlungen hinweg. Diese Gnade und Vergebung machen frei, frei für einen Neuanfang. Statt sich von enttäuschten Erwartungen und Resignation erdrücken zu lassen, kommt hier ein großes Trotzdem, das aufatmen lässt.

Wo Menschen mit uns als Kirche und Gemeinde fertig sind, da ist Gott noch lange nicht am Ende. Warum? Weil Gott treu ist. Weil Gott zu seinen Zusagen und Verheißungen steht. Gottes Motivation um an uns dran zu bleiben ist seine Liebe. Es ist die Liebe des Hirten, der sein verlorenes Schaf sucht, es ist die Motivation eines liebenden Vaters, der seinen verlorenen Sohn überglücklich in die Arme schließt, wenn dieser seinen Weg zu ihm zurückgefunden hat.

Der Rückgang der Gemeindegliederzahlen und vielleicht auch ein erlahmendes und für manche manchmal tot scheinendes Gemeindeleben, zeigen uns etwas Unglaubliches: Wenn alle gehen, wenn alle austreten, wenn alle ihr Engagement zurückfahren und ich manchmal das Gefühl habe, einer der letzten zu sein, die noch zurückbleiben, dann schaue ich mich in meiner Einsamkeit um, schaue über all die leeren Bänke und Stühle und sehe, dass doch noch einer da geblieben ist: Gott. Für ihn hat es sich gelohnt zu bleiben, auch wenn ich mich wie der letzte Mohikaner fühle. Vielleicht geht es Gott sogar so, wie wir es auch von uns kennen. Wenn wir mit jemanden noch in Ruhe sprechen wollen, dann warten wir, bis alle gegangen sind, bis es ruhig und still wird, damit wir unter vier Augen reden können. Wenn scheinbar alle weg und gegangen sind, dann kann ich mich nicht mehr hinter der Menge, hinter dem Programm und den Events verstecken, dann stehe ich auf einmal so da, wie ich bin. Das ist genau die Situation, die Jesus erlebt hat, als sich viele von ihm abwendeten. In Johannes 6,67-69 heißt es hierzu:

Da sprach Jesus zu den Zwölfen: Wollt ihr auch weggehen? Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.

Was hätten wir Jesus geantwortet? Was antworten wir Jesus, wenn er uns fragt, ob wir seiner Gemeinde auch den Rücken kehren wollen?

Ich finde diese Stelle bemerkenswert. Petrus bringt es auf den Punkt: Jesus ist alternativlos. Wo sonst gibt es das Leben in der Fülle. Petrus bleibt, weil er in Jesus den Sohn Gottes erkannt hat. Und genau das ist der Kern, um den es geht: Egal ob evangelische oder katholische Kirche, freikirchlich oder orthodox. Das Zentrum ist und bleibt in allen Kirchen dasselbe: Jesus. Vielleicht sind wir als Volkskirchen momentan so etwas wie die stinkenden Füße am Leib Christi, weil wir dem Staub und Dreck der Welt am Nächsten sind, aber wir sind dennoch Glieder am Leib Christi. Und genau diese Glieder hat Jesus vor dem Abendmahl mit seinen Jüngern gewaschen. Jesus ist sich nicht zu fein und zu heilig, um sich mit einer krisengeschüttelten Kirche abzugeben. Es mag sein, dass einige Gemeindeglieder und Pfarrer Jesus nicht an sich rankommen lassen wollen, aber Jesus ist bereit zu kommen um uns unsere Schuld und unseren liberalen oder konservativen geistigen Hochmut zu vergeben und zu verändern. Wenn es im Predigttext heißt, Gott gehe „über unsere Verfehlungen hinweg“, so heißt das nicht, er sieht sie nicht an. Das bedeutet, dass er diesen ungeraden, holprigen Weg mitgeht und uns über alle Stolpersteine hinweg in die Zukunft führt.

Und so gilt am Ende auch uns hier in unserer Pfarrgemeinde dasselbe, was am Ende des Predigttextes steht, wo es heißt: Den Nachkommen Abrahams und Jakobs wirst du mit Liebe und Treue begegnen, wie du es einst unseren Vorfahren mit einem Eid zugesagt hast.

In Jesus hat Gott diese Hoffnung des Propheten Micha erfüllt. Gott ist uns durch Jesus in Liebe und Treue begegnet, bis heute, in vollen wie auch in leeren Kirchen. Amen